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Mit Open Source schneller zum Software-definierten Fahrzeug

Automotive-Software schneller entwickeln – dieses Ziel haben wir mit unseren Kunden gemeinsam. Dabei spielt auch Open Source eine wichtige Rolle. ZF bringt sich heute schon bei der Entwicklung von Grundlagen ein, um Open-Source-Software für die Automobilentwicklung nutzbar zu machen.

Autor: Andreas Neemann, 2025-10-15

SOAFEE, Eclipse, COVESA – diese Namen und Abkürzungen stehen für ein neues Zeitalter in der Automobilentwicklung. Es sind Organisationen und Zusammenschlüsse, die dasselbe Ziel haben: Open-Source-Software für Automotive-Anwendungen stärker zu standardisieren. Es ist eine Möglichkeit, um im Zeitalter des Software-definierten Fahrzeugs schneller und kostengünstiger zu entwickeln. Da bei Open Source der Quellcode offen zugänglich ist, hat diese Art von Software ohnehin schon ein Effizienz-Plus auf ihrer Seite.

Im Juni 2025 haben wichtige Player der deutschen Automobilindustrie, darunter auch ZF, eine Erklärung unterzeichnet, stärker bei Open-Source-Software zu kooperieren. Es geht dabei um so genannte „nicht differenzierende“ Software. „Ein erheblicher Teil der Software eines Autos ist für die Fahrer nicht direkt erkennbar und eignet sich für die Hersteller nicht, sich im Wettbewerb voneinander abzuheben“, erklärt Gunther Bauer, Senior Manager Delivery Lead Software Innovation.

Solche Softwaremodule, beispielsweise zur Fahrzeugdiagnose, können mehrere Hersteller und Zulieferer gemeinsam in einem offenen und kollaborativen Ökosystem entwickeln. „Eine solche quelloffene gemeinsame Entwicklung schätzen wir sehr – vor allem auch mit anderen Zulieferunternehmen und den Automobilherstellern“, sagt Bauer.

Vorbild: Tech-Sparte und Android

Ein solches Ökosystem aus Firmen, die teils miteinander konkurrieren, hat sich in der Tech-Branche längst etabliert, also bei Computern und Smart Devices und ihren Apps. Da agieren Spezialisten für Hardware (Computer, Prozessorleistung etc.) Hand in Hand mit den Programmierern der Basis-Software, also den Betriebssystemen mit standardisierten Schnittstellen. Auf dieser technischen Grundlage setzen die Applikationen auf und bieten Funktionen mit hohem Mehrwert für die Endnutzer. Wettbewerb findet erst in der letzten Stufe statt. Die unternehmensübergreifende Zusammenarbeit auf den Stufen davor funktioniert in der Tech-Branche bestens. Und Open Source spielt dabei eine wesentliche Rolle, wie das Beispiel Android zeigt. Das OS für mobile Endgeräte ist mit über 100 Milliarden Downloads heute das am meisten verbreitete Betriebssystem.

Die Bremse darf nicht „abstürzen“

„Um im Automotive-Umfeld so zu kollaborieren, müssen wir das Open-Source-Modell automotive-tauglich machen“, erklärt Bauer. Zwar arbeitet die Automobilindustrie schon seit Jahren mit Open-Source-Software, bislang aber vor allem beim In-Car-Entertainment. Wird das Konzept auf Fahrfunktionen übertragen, gelten andere Sicherheits- und Qualitätsvorgaben, die bislang nicht standardisiert sind. Dies ist aber eine dringende Voraussetzung. „Wenn der Navi-Bildschirm mal kurz schwarz wird und die Software sich neu startet, ist das noch hinnehmbar. Bei einer Bremse oder Lenkung darf das niemals passieren“, nennt Bauer ein Beispiel. Die Grundidee: Statt dass alle ihre eigenen – so genannten proprietären – Lösungen entwickeln, machen sich die Branchenplayer über Open Source gemeinsam daran. Die daraus entstehenden Module, „Stacks“ genannt, darf dann jeder der Teilnehmer nutzen, adaptieren, erweitern, individualisieren – vorausgesetzt er bringt eigene Erkenntnisse, Erfahrungen und Optimierungsideen auch ein. Auf diese Weise wird Basis-Software, weil sie von der „Community“ ständig angepasst wird, sogar besser und leistungsfähiger als isolierter proprietärer Code. „Die Voraussetzung ist immer, dass alle sich aktiv beteiligen“, erklärt Bauer. „Open Source ist kein Selbstbedienungsladen, den man schnell wieder verlässt. Es lebt von der langfristigen Beteiligung aller. Und wer früh dabei ist, kann die Standards mitprägen“, so schildert er die Motivation von ZF.

„Um im Automotive-Umfeld so zu kollaborieren, müssen wir das Open-Source-Modell automotive-tauglich machen."
Gunther Bauer, Senior Manager Delivery Lead Software Innovation

Pilotprojekte führen zum Ziel: Beispiel S-CORE

Und hier kommen wieder die Abkürzungen ins Spiel. SOAFEE, Eclipse Foundation und COVESA sind drei der Organisationen, die sich für eine engere Zusammenarbeit zwischen Autoherstellern und Technologielieferanten stark machen – schon lange vor dem Memorandum der deutschen Player im Juni 2025. Die Konsortien regen entsprechende Kollaborationen bei Open-Source-Software an, definieren Roadmaps und schreiben Pilotprojekte aus. ZF beteiligt sich seit Jahren an dieser Grundlagenarbeit und ist Gründungsmitglied der Eclipse SDV Arbeitsgruppe, die 2022 ins Leben gerufen wurde.

Ein aktuelles Projekt, an dem ZF im Rahmen der Eclipse SDV Working Group beteiligt ist, zielt auf eine Art Betriebssystem für Zentralrechner, das in der Lage ist, ECU-Software zu integrieren. Bei diesem S-CORE genannten Projekt ist es auch wichtig, die Schnittstelle zwischen Basis-Software und Applikation zu standardisieren. Das übernimmt ZF im Projekt „Automotive API Framework“. Der Grund ist naheliegend: Als Entwickler von Funktionen hat ZF großes Interesse an einem Standard, der den Ansprüchen der Autobranche genügt. Bislang entsteht genau hier viel Anpassungsaufwand für die Integration der ZF-Funktionen in die proprietäre Software unterschiedlichen Hersteller. Ein anderes Projekt, „Open SOVD“, dreht sich um „Service Oriented Vehicle Diagnostics“. Auch hier übernimmt ZF eine Automotive-spezifische Anpassungsleistung von Open-Source-Software. Im Wesentlichen geht es darum, die herstellerübergreifend definierten Standards bei der Diagnose-Software auf den Einsatz von High-Performance-Computern zu übertragen – also jener Hardware, die für die neue E/E-Architektur moderner Fahrzeuge zum Einsatz kommen wird.

ZF-Partner Qorix ist mit im Boot

„Wir sind als ZF nicht nur dort aktiv, wo Applikationen und Funktions-Software gefragt ist“, ergänzt Bauer. „Über unseren Joint-Venture-Partner Qorix sind wir auch bei der Entwicklung von Basis-Software und Middleware involviert.“ Qorix unterstützt ebenfalls bei Safety-Zertifizierungen oder bei allgemeiner Prozess-Dokumentation. Qorix könnte aber auch als Distributor aktiv werden – also Automotive-geeignete Open-Source Software lizenzieren und verkaufen. Ähnlich wie beim Computer-Betriebssystem Linux, wo es solche Distributoren längst gibt, hätten die Käufer dann den Vorteil, sich um verschiedene wichtige Details wie zum Beispiel die Safety Qualifizierung und die Langzeit Wartung nicht mehr selbst kümmern zu müssen.

Das alles ist Teil des von der gesamten Branche gewünschten Ökosystems. Und dass sich dieses Ökosystem nach und nach stabil formiert, zeigt, wie nah das Software-definierte Auto in der Realität schon angekommen ist – und dass tief in seinem Code auch ZF-Software verankert ist.