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Mensch und KI als Motor von Innovation

Eingesetzt als strategisches Instrument optimiert sie Prozesse und verbessert Produkte: die Künstliche Intelligenz (KI). Torsten Gollewski, Leiter Zentrale Forschung und Entwicklung bei ZF, über die Bedeutung von KI für seinen Bereich.

Autor: Susanne Szarowski, 2026-06-29

Herr Gollewski, innerhalb weniger Jahre ist Künstliche Intelligenz (KI) von einem Nischenthema zu einem weit verbreiteten Werkzeug geworden. Welchen Einfluss hat sie auf Innovation?

KI verändert Innovation und Entwicklungsprozesse grundlegend. Dabei lassen sich derzeit zwei wesentliche Perspektiven unterscheiden, in denen große technologische Fortschritte stattfinden: die Integration von KI in physische Systeme (Physical AI) und der Einsatz von autonom handelnden, zielorientierten KI-Systemen (Agentic AI). Der größte Wandel liegt jedoch vor allem in der Wertschöpfungstiefe innerhalb der Entwicklung.

„Es ist falsch zu glauben, dass man KI auf bestehende Prozesse anwendet und damit deutlich bessere Ergebnisse erhält.“
Torsten Gollewski, Executive Vice President Corporate R&D Innovation & Technology

Können Sie das genauer erklären?

Mittels KI sind wir in der Lage, die Komplexität im Entwicklungsprozess besser zu beherrschen. Wir können beispielsweise bei einem Produkt schneller Varianten erzeugen und bewerten. Darüber hinaus hilft KI, Entscheidungen datenbasiert zu treffen.

So verschiebt sich die Entwicklung von einer stark arbeitsteiligen Arbeitsweise mit bestimmten Abfolgen hin zu einer hochgradig integrierten, nicht linearen und durch KI unterstützten Wertschöpfung, die sehr individuell ist. Das führt zu kürzeren Entwicklungszeiten und besseren Ergebnissen.

Wo liegen die Herausforderungen?

Wir benötigen ein grundsätzlich anderes Verständnis von Entwicklung, denn KI bringt uns dort die bisher größte Transformation überhaupt. Es ist falsch zu glauben, dass man KI auf bestehende Prozesse anwenden und damit deutlich bessere Ergebnisse erhält.

Unsere Erfahrung zeigt, dass der Prozess, wenn KI integriert wird, komplett anders aufgestellt werden muss, um den größten Nutzen zu bringen. Kurz gesagt: KI funktioniert in Pilotprojekten nur dann sehr gut, wenn der gesamte Entwicklungsprozess mit umgestellt wird.

Warum ist das so schwer?

KI ist gerade in aller Munde und verspricht viel. Aber wir unterschätzen den damit verbundenen Transformationsprozess innerhalb des Unternehmens: Wir müssen verstehen, wo, wie und wie schnell KI in Prozessen und Produkten zum Einsatz kommt und

KI im gesamten Unternehmen einsetzen, sonst schaffen wir auch damit nur geringfügige Verbesserungen. Die höhere Geschwindigkeit, die mit neuen Lernverfahren erreicht wird, ist ein großer Vorteil, sofern er richtig auf den Entwicklungsprozess angewendet wird.

Einige Studien zeigen, dass sich sowohl im Entwicklungsbereich als auch bei den indirekten Kosten eines Unternehmens bis zu 20 Prozent einsparen lassen.

Torsten Gollewski, Leiter Zentrale Forschung und Entwicklung bei ZF

Torsten Gollewski, Leiter Zentrale Forschung und Entwicklung bei ZF

Worauf kommt es in der Forschung und Entwicklung besonders an?

Um im internationalen Wettbewerb bestehen zu können, müssen wir KI in Produkten und Prozessen konsequent nutzen. Dabei brauchen wir den Zugang zu einer großen Menge an hochwertigen Daten. Damit sind wir dann in der Lage, Produkte viel genauer darzustellen und zu spezifizieren.

Mit diesem KI-basierten Produktdesign verbessern wir unsere Produkte und senken gleichzeitig die Kosten. Aber natürlich benötigen wir auch Fachkräfte, die diese Technologie in skalierbare, robuste Prozesse und Produktanwendungen überführen.

Für welche Aufgaben nutzen Entwickler KI?

Wir haben zwei Schwerpunkte: KI in unseren Produkten und KI in unseren Entwicklungsprozessen. Wir nutzen KI in Produkten, um diese intelligenter, effizienter oder erst möglich zu machen, etwa als virtuelle Sensoren in „TempAI“.

In der Produktentwicklung beschleunigt KI-Prozesse. Sie hilft dabei, schnell von den Anforderungen, von den gespeicherten Daten, vom antrainierten Unternehmens-Wissen oder weltweit verfügbaren Informationen zu Produktkonzepten zu kommen.

Und wie geht es weiter?

Im nächsten Schritt beurteilen unsere Ingenieure dann diese Konzepte und setzen darauf auf. Der zweite Fokus ist KI als „Agent“ oder Entwicklungspartner, beispielsweise bei der Software-Entwicklung, bei der System-Entwicklung, beim Einsatz von digitalen Zwillingen und beim virtuellen Testen sowie wie bei der Mechanik-Entwicklung.

Beide Schwerpunkte beschleunigen unsere Entwicklungszeiten erheblich, benötigen aber natürlich immer eine solide Datenbasis.

Was sind die größten Effekte dieser KI-Transformation?

Vor allem bei Geschwindigkeit, Effizienz und Produktqualität sind große Verbesserungen messbar. Wir sehen, dass sich Entwicklungs- und Release-Zyklen drastisch verkürzen. Prozesse, die früher Wochen gedauert haben, können heute in Tagen oder sogar in Stunden ablaufen.

Auch beim Testen oder in der Anforderungsanalyse ist der Aufwand erheblich gesunken, weil viele Routinetätigkeiten automatisiert sind. Für unsere Wettbewerbsfähigkeit ist es entscheidend, die Vorteile von KI schneller einzusetzen als das die Wettbewerber tun – und das im gesamten Unternehmen, nicht nur in der Entwicklung.

Unsere Kunden schauen sehr genau auf unsere Strukturen und wissen, welche Effizienzsteigerungen möglich sind.

Wie organisiert ZF den Einsatz von KI in der Entwicklung?

Das AI Tech Center ist unser Zentrum für KI in der Entwicklung. Es bündelt Kompetenzen und sorgt für den breiten Einsatz von KI über alle Bereiche hinweg. Das AI Tech Center arbeitet eng mit den Fachbereichen zusammen.

Die Bandbreite der Zusammenarbeit reicht von Spezifikationen über Code bis hin zu Design und Testing. Besonders wichtig ist, dass sich Projekte schnell auf große Teile des Unternehmens ausweiten lassen, wir Synergien nutzen und die Wirkung im Unternehmen messbar ist.

Im AI Tech Center versammeln wir unser Know-how und unsere Kapazitäten, um wettbewerbsfähig zu sein und um uns nicht in Unterorganisationen zu verlieren.

Wo steht die Automobilindustrie dank KI in 20 Jahren?

Sie steht maßgeblich unter dem Einfluss von KI – vor allem geprägt von deren Einsatz in China. Die Möglichkeiten der Datennutzung mit den OEMs und die Innovationszyklen der KI‑Tech-Konzerne werden deutlich anders aussehen als heute.

Schon jetzt sehen wir dort, was dank KI möglich ist: Produktänderungen lassen sich schnell umsetzen und deren Auswirkungen in einem simulierten, virtuellen Produktionsraum oder in einer digitalen Fabrik darstellen. Diese Entwicklung wird sich zweifellos weiter beschleunigen.

Auch die Produktentwicklung wird sich durch die stetig steigende Datenflut grundlegend verändern. Innovation wird vielfältiger und dynamischer ablaufen als heute und den Ingenieuren völlig neue Innovationsräume eröffnen.