Den eigenen Weg gehen und Mehrwert schaffen
Dass seine Karriere ihn in die Automobilindustrie führen würde, hatte FutureStarter Preet Gill nicht von Anfang an geplant. Festgelegt auf bestimmte Branchen war er, der heute bei ZF in Detroit/USA als Leiter Nachhaltigkeit und Digitalisierung in der Division Elektronik und ADAS arbeitet, aber ohnehin nie.
Wichtig für ihn ist, Lösungen zu entwickeln, die einen Mehrwert schaffen. Besonders stolz ist er daher auf die jüngste Entwicklung, bei der sein Team mitwirken konnte: ZF Annotate hatte im Juni 2024 Premiere. Mit dem neuen System sollen die Validierungszeiten von komplexen ADAS und AD Systemen deutlich beschleunigt werden.
Er hätte auch den geradlinigen Weg gehen können. Wenn es nach seiner Familie gegangen wäre, hätte Preet sich Ende der 1990er Jahre im gut etablierten Familienunternehmen in Indien engagiert. Aber damit konnte er – damals in seinen Zwanzigern – seine Zukunft nicht in Verbindung bringen. „Vor allem ging es mir um die Frage, ob ich meine eigene Karriere starten oder Teil des ‚Family Business‘ sein will“, erzählt er rückblickend. Nach dem Bachelor-Abschluss entschied er sich für den radikalen Schritt und bewarb sich für ein Stipendium an einer amerikanischen Universität. „Ich wollte unbedingt etwas mit Technologie machen“, begründet er seine Entscheidung. „Und es fühlte sich befreiend an, diesen Weg an einem neuen Ort zu gehen“. Anfang 2002 nahm er sein Maschinenbau-Studium mit den Schwerpunkten Design und Manufacturing an der University of Michigan auf.
Leiter Nachhaltigkeit und Digitalisierung in der Division Elektronik und ADAS
Erste Projekte mit maschinellem Sehen
Sein erstes großes Projekt an der Universität, ein bildgebendes Verfahren zur Überwachung von Epilepsie-Patienten am hochschuleigenen Krankenhaus, weist erstaunliche Parallelen zu seinem aktuellen beruflichen Schwerpunkt mehr als 20 Jahre später auf. „Es ging damals darum, Epilepsie-Patienten mit Kameras zu überwachen und eine Software zu entwickeln, die typische Anzeichen eines Anfalls erkannte, um in diesem Fall einen Alarm für das Pflegepersonal auszulösen,“ fasst er das Projekt zusammen. „Vorher mussten häufig Pfleger abgestellt werden, die diese Patienten entweder regelmäßig in kurzen Abständen oder sogar permanent überwachten. Für das Krankenhaus entstand so ein hoher Personalaufwand“.
ZF Annotate verfolgt einen ähnlichen Zweck. Fahrerassistenzsysteme (Advanced Driver Assistance Systeme, ADAS) müssen die Situation in der Umgebung des Fahrzeugs mit höchster Zuverlässigkeit erkennen und bewerten. „Die Sensoren und Computer müssen in der Lage sein, einen Radfahrer von einem Briefkasten und eine Ampel von einem Baum zu unterscheiden. Letztlich muss das System ein genaues Abbild seiner Umgebung erzeugen“, sagt Preet. Im Entwicklungs- und Validierungsprozess solcher Systeme müssen die gesammelten Sensorinformationen, die Referenzdaten schnell und effizient annotiert – also Objekte markiert und klassifiziert – werden, um eine „Ground Truth“ zu erzeugen. Die Zuschreibung von Objekten erfolgt jedoch bisher weitgehend manuell. Wie Preet aus Erfahrung weiß: „Das ist eine langwierige und fehleranfällige Aufgabe. Außerdem ist sie für die Entwickler von ADAS-Systemen sehr teuer.“
Wichtig für den FutureStarter: Lösungen entwickeln, die einen Mehrwert schaffen.
ZF Annotate: Beschleunigt den Validierungsprozess
Hier kommt ZF Annotate ins Spiel: Der cloudbasierte Service beschleunigt den Validierungsprozess von Fahrzeugherstellern bei der Sensorik von ADAS-Systemen. ZF Annotate nutzt Künstliche Intelligenz, um Videodaten effizient zu annotieren und kann so den Prozess bis um den Faktor zehn beschleunigen. Preet ist sich sicher: „Annotate ist ein Meilenstein für die Validierung von Fahrerassistenzsystemen. Ich bin stolz darauf, an ADAS-Lösungen zu arbeiten, die helfen, die Verkehrssicherheit und den Fahrkomfort zu erhöhen. Und besonders stolz darauf, dass ZF Annotate die Entwicklung und Validierung dieser Funktionen beschleunigt“, sagt er.
Die Parallelen zwischen dem Erkennen eines epileptischen Anfalls und der „Ground Truth“ durch automatisierte Datenverarbeitung sind frappierend. Auch für Preet hat Big Data in den vergangenen 20 Jahren eine besondere Rolle gespielt. Das begann schon in seinem ersten Job, als er anhand detaillierter Daten die Garantiekosten eines Autoherstellers analysierte und die wichtigsten Kostentreiber identifizieren konnte. „Zwischen 2003 und 2008 begannen die heutigen Konzepte der Data Analytics Gestalt anzunehmen. Ich gehörte zu einem kleinen Team, das damit begann, Garantiedaten zur Wertschöpfung zu nutzen“, erinnert er sich: „Die Ergebnisse waren beeindruckend. Wir verbesserten die Qualitätsmetriken durch gezielte Maßnahmen so weit, dass die Gewährleistungskosten um 3,5 Millionen Dollar gesenkt werden konnten - bei gleichzeitigen Einsparungen von 5 Millionen Dollar an Materialkosten.“
Seit 2022 arbeitet Preet Gill für ZF.
Spagat zwischen Autoindustrie und akademischen Zielen
Während dieser Zeit verspürte Preet aber ein wachsendes Interesse daran, ein Wirtschaftsstudium zu absolvieren, um sein Wissen als Ingenieur enger mit strategischen Entscheidungen zu verknüpfen. Wieder einmal schlug er einen weniger ausgetretenen Pfad ein und schrieb sich an der Eastern Michigan University ein. 2013 schloss er mit einem Doktortitel in Technologie mit Schwerpunkt Engineering Management ab, während er gleichzeitig in Vollzeit bei einem Tier-1-Automobilzulieferer arbeitete.
Seine Forschungsarbeiten reichten von Mitarbeiterengagement bis hin zu Gesundheitsmanagement. Diese breite Wissensbasis spornte ihn dazu an, neue Geschäftsmöglichkeiten bei seinem Arbeitgeber zu erforschen. Zwischen 2013 und 2021 leitete er mehrere innovative Projekte, darunter Projekte zu Erdgasantrieben, künstliche Intelligenz in der Fertigung, nachhaltige Energielösungen und automatisierte Logistiksysteme, und trug zu deren Wertschöpfung bei. Preet pflegt weiterhin seine Beziehungen zur akademischen Welt, indem er Vorträge hält und als Berater an verschiedenen Schulen der University of Michigan tätig ist.
Digitalisierung und Nachhaltigkeit
Seit 2022 ist Preet bei ZF und arbeitet in der Division Elektronik und ADAS. Derzeit ist er für die Bereiche Nachhaltigkeit und Digitalisierung verantwortlich. Er entwickelt Strategien und gestaltet Maßnahmen mit, um die ambitionierten Ziele von ZF zu erreichen. Ein wichtiges Projekt ist der „Early Sustainability Indicator“, ein neues Tool, das es Ingenieuren ermöglicht, den CO2-Fußabdruck eines Designs bereits in der Entwicklungsphase von Elektronikkomponenten zu berechnen und zu prognostizieren: „Üblicherweise wird das Gewicht eines Bauteils zur Berechnung des CO2-Fußabdrucks herangezogen. Dieser Ansatz ist für die Elektronik aber nicht hilfreich. Unser Team hat daher eine effektive Methode zur Durchführung dieser komplexen Berechnung entwickelt, die sich in einem einfachen digitalen Tool leicht visualisieren lässt,“ beschreibt er den Ansatz.
Preet Gill ist stolz auf sein Team, das kontinuierlich an innovativen digitalen und nachhaltigen Lösungen arbeitet.
Vor allem aufgrund seines Engagements für die digitale Transformation und Nachhaltigkeit fühlt er sich als FutureStarter. „Nachhaltigkeits- und KI-Strategien effektiv vorantreiben und einsetzen zu können, ist sehr wichtig für mich“, sagt er. „Ich kann jeden Tag Werte schaffen. Für mich ist es die Fortsetzung eines Themas, das mich schon immer begleitet hat. Vielleicht ist dies ein Motivationsfaktor für alle Migranten: einen idealen Platz für sich selbst zu finden, an dem man Werte schaffen kann. Diesen Platz habe ich bei ZF gefunden.“
Was genau macht eigentlich ZF?
Wir gestalten das Fahrzeug der Zukunft. Dabei steht unser Team im Fokus, unsere #FutureStarter. Sie entwickeln täglich Technologien – von Nachhaltigkeit, Elektromobilität und autonomem Fahren bis Software, Digitalisierung und Vehicle Motion Control.