Dr. Peter Holdmann, ZF Chief Technology Officer Dr. Peter Holdmann, ZF Chief Technology Officer

CTO-Interview: „Die Zukunft der Mobilität gestalten“

Der ZF Aufsichtsrat hat Dr. Peter Holdmann zum Chief Technology Officer (CTO) berufen. Die neu geschaffene Funktion unterstreicht die strategische Bedeutung von Technologie und Entwicklung für die Innovationskraft und den wirtschaftlichen Erfolg des Konzerns. Als Mitglied des ZF Vorstands verantwortet Holdmann bereits den R&D-Bereich.

Datum: 2026-05-05

In diesem Interview skizziert Holdmann den F&E Auftrag von ZF in einem sich rasant wandelnden Mobilitätsumfeld. Er erläutert, wie Künstliche Intelligenz das Engineering verändert, wie sich ZF auf das softwaredefinierte Fahrzeug vorbereitet und wie Initiativen wie Chassis 2.0, Elektrifizierung und Dekarbonisierung die Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens stärken und die Mobilität der Zukunft prägen.

Herr Dr. Holdmann, Sie haben kürzlich als CTO die Verantwortung für die weltweite Forschungs- und Entwicklungsorganisation von ZF übernommen. Wie würden Sie den F&E Auftrag von ZF heute beschreiben?

Mit der Einführung der CTO Rolle unterstreicht ZF klar die strategische Bedeutung von Technologie und Innovation für unsere langfristige Wettbewerbsfähigkeit. Mein Auftrag ist es, die technologische Ausrichtung des Unternehmens über alle Divisionen hinweg zu schärfen und sicherzustellen, dass Forschung und Entwicklung weltweit abgestimmt, effizient und konsequent kundenfokussiert aufgestellt sind. Unsere Produkte müssen wettbewerbsfähig sein – das Gleiche gilt jedoch auch für unsere Entwicklungsprozesse.

ZF tritt in eine entscheidende Phase der Transformation ein. Unser F&E Auftrag ist daher klar definiert: Wir entwickeln Technologien, die Mobilität sauberer, intelligenter und effizienter machen, und wir tun dies mit wirtschaftlicher Disziplin und Geschwindigkeit. Unsere Innovationsagenda orientiert sich an drei zentralen Trends: KI gestütztes Engineering, das softwaredefinierte Fahrzeug und die Dekarbonisierung. Diese Themen spiegeln sowohl die globale Marktnachfrage als auch die Stärke von ZF als Systemintegrator und Technologieführer für intelligente Mobilitätssysteme wider.

„Wir entwickeln Technologien, die Mobilität sauberer, intelligenter und effizienter machen, und wir tun dies mit wirtschaftlicher Disziplin und Geschwindigkeit.“
Dr. Peter Holdmann, ZF Chief Technology Officer

Künstliche Intelligenz beeinflusst das Engineering branchenübergreifend. Wie setzt ZF sie bei Entwicklungsprozessen ein?

Künstliche Intelligenz wird zu einem unverzichtbaren Werkzeug in unseren Entwicklungsprozessen. Sie hilft uns, Entwicklungszyklen zu verkürzen, die Qualität von Simulationen zu erhöhen und das prädiktive Systemverhalten zu verbessern. Dies ist insbesondere bei komplexen Architekturen wie elektrifizierten Antriebssträngen oder Multi Aktuator Fahrwerksystemen von entscheidender Bedeutung.

KI ermöglicht es unseren Teams, Parameter frühzeitig in der Entwicklungsphase zu optimieren, die virtuelle Absicherung zu verbessern und Kalibrierprozesse zu automatisieren. In der Folge erreichen Innovationen – ob bei elektrischen Antrieben oder bei Chassis 2.0 Technologien – schneller die Serienreife, mit höherer Präzision und Zuverlässigkeit.

KI ersetzt Engineering nicht, sie verstärkt es. Sie versetzt uns in die Lage, bessere Produkte in kürzerer Zeit bereitzustellen – ein entscheidender Faktor in einem globalen Mobilitätsmarkt, der sich mit hoher Dynamik verändert.

Wie bereitet sich ZF auf das Zeitalter des softwaredefinierten Fahrzeugs vor?

Das softwaredefinierte Fahrzeug (SDV) definiert die Wertschöpfung in der Automobilindustrie neu. Software wird zum zentralen Orchestrator von Fahrzeugperformance, Sicherheit, Komfort und kontinuierlichen Updates.

ZF verfügt über große Stärken in der Systemintegration und über umfassende Softwarekompetenz – beides entscheidende Voraussetzungen für das SDV. Unsere Fähigkeit, intelligente Aktuatoren wie Lenkung, Bremse und Dämpfung über fortschrittliche Software Frameworks zu harmonisieren, ermöglicht es OEMs, konsistente, markentypische Fahreigenschaften zu realisieren und Kalibrierzyklen deutlich zu verkürzen.

Genau aus diesem Grund sind unsere Chassis 2.0 Innovationen so wichtig. Sie vereinen fortschrittliche Mechatronik, intelligente Sensorik und Softwareintelligenz, um Fahrwerksysteme adaptiver, effizienter und reaktionsschneller zu machen. Es ist der Wandel von mechanischen Komponenten hin zu vollständig vernetzten, softwareunterstützten Systemen – bereits heute in Serienanwendungen bei führenden globalen Herstellern umgesetzt.

Könnten Sie den Chassis 2.0 Ansatz näher erläutern?

Chassis 2.0 ist eine unserer stärksten Innovationssäulen. Es transformiert das Fahrwerk von einem mechanischen Subsystem zu einem vollständig vernetzten, intelligenten System. Bereits heute liefern wir serienreife Technologien wie Steer by Wire und Brake by Wire Lösungen, die mechanische Verbindungen eliminieren und höhere Präzision, neue Fahrzeugarchitekturen und zusätzliche Sicherheitsfunktionen ermöglichen.

Unsere Technologien werden sowohl von etablierten OEMs als auch von schnell wachsenden asiatischen Marken eingesetzt. Beispiele sind unsere Partnerschaften mit NIO und Mercedes Benz. In beiden Fällen bringen wir unser neuestes Steer by Wire Know-how in die Flaggschiffmodelle ein – als maßgeschneiderte Lösung, abgestimmt auf die jeweilige Fahrzeugarchitektur und Markencharakteristik. Diese Bandbreite zeigt, wie gut die Systemkompetenz von ZF mit den globalen Marktanforderungen übereinstimmt.

Was ZF besonders auszeichnet, ist die Kombination aus führender Komponentenkompetenz, System Know-how auf Gesamtebene und tiefer Softwareintegration. Kein anderer Technologieanbieter bietet diese Kombination in diesem Maßstab.

Dr. Peter Holdmann, Chief Technology Officer der ZF

Dr. Peter Holdmann, ZF Chief Technology Officer

Von KI gestütztem Engineering bis zum softwaredefinierten Fahrzeug haben wir zentrale Technologietrends diskutiert, die den F&E Auftrag von ZF prägen. Welche Rolle spielt die Dekarbonisierung in der Technologie und Innovationsagenda von ZF?

Dekarbonisierung ist ein zentrales Entwicklungsziel für ZF. Aus Sicht von Forschung und Entwicklung liegt unser Fokus klar darauf, den CO₂ Fußabdruck unserer Produkte über den gesamten Lebenszyklus hinweg zu reduzieren.

Dabei verfügen wir über zwei wesentliche technologische Hebel. Der erste ist Effizienz. Die Steigerung der Effizienz in der Nutzungsphase war schon immer ein Kernelement der ZF Entwicklung – von der 8HP Automatik bis zu unserem heutigen breiten Elektrifizierungsportfolio. Höhere Antriebseffizienz, intelligentes Energiemanagement und systemübergreifende Optimierung reduzieren die fahrzeugseitigen CO₂ Emissionen unmittelbar.

Der zweite Hebel sind Materialien. Wir erhöhen den Anteil nachhaltiger und recycelter Materialien in unseren Produkten deutlich. Dies erfordert, Designs von Beginn an neu zu denken, um höhere Recyclinganteile zu ermöglichen, ohne Sicherheit oder Performance zu beeinträchtigen. Eng damit verknüpft sind zirkuläre Geschäftsmodelle wie Remanufacturing, Wiederverwendung und Recycling – sowohl durch entsprechendes Produktdesign als auch durch die zunehmende Umsetzung solcher Ansätze innerhalb von ZF.

Dekarbonisierung bedeutet auch ein verantwortungsvolles Stoffmanagement. Ein relevantes Beispiel sind PFAS (per und polyfluorierte Alkylsubstanzen), eine große Gruppe industrieller Chemikalien, die aufgrund ihrer Umwelt und Gesundheitswirkungen zunehmend kritisch bewertet werden. Das PFAS Management ist bei ZF als kontinuierliche, konzernweite Aufgabe etabliert, die Corporate R&D und die Divisionen eng miteinander verbindet. So bieten wir beispielsweise mit unserem THERMAS Thermomanagementsystem für Elektro und Hybridfahrzeuge bereits eine PFAS freie Lösung auf Basis von Propan als Kältemittel an. Vergleichbare Aktivitäten gibt es auch bei kritischen Materialien wie Seltene-Erden-Magneten, bei denen wir auf Materialeffizienz und alternative Konzepte setzen.

Insgesamt verfolgt ZF einen ganzheitlichen Ansatz zur Dekarbonisierung – über Effizienz, nachhaltige Materialien und Zirkularität sowie verantwortungsvolle Technologieentscheidungen. Damit unterstützen wir die Klimaziele unserer Kunden und sichern zugleich unsere Wettbewerbsfähigkeit.

Wenn Sie die Innovationsidentität von ZF in einer Botschaft zusammenfassen müssten – wie würde diese lauten?

ZF steht für intelligente Technologie – Lösungen, die effizient, vernetzt, softwarebasiert und serienreif sind. Unsere Technologien sind keine fernen Visionen, sondern prägen bereits heute Fahrzeuge auf der Straße sowie Produkte im industriellen und maritimen Einsatz.

Mit unserer führenden Position bei elektrifizierten Antriebssystemen, unserer Systemintegrationskompetenz für das softwaredefinierte Fahrzeug, unserem Chassis 2.0 Portfolio und unseren KI gestützten Engineering Fähigkeiten positionieren wir ZF an der Spitze einer sich rasant wandelnden Industrie.

Und wir tun dies mit einer klaren Ambition: Zukunftstechnologien aktiv zu gestalten und auf der Gewinnerseite der Transformation zu stehen – weil wir von Dynamik angetrieben sind: in Technologie, Märkten, Kundennutzen und Produkten. Es gibt aus meiner Sicht keinen spannenderen Zeitpunkt, die Rolle des CTO zu übernehmen.