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Auf neuen Wegen

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Unsere Art der Fortbewegung hat sich in den vergangen zwei Jahrhunderten dramatisch verändert. Heute müssen wir Mobilität wieder einmal neu erfinden. Intelligente Konzepte und wegweisende Technologien zeigen den Weg.
Stefan Schrahe, 15. Dezember 2017
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Stefan Schrahe schreibt seit drei Jahrzehnten über alles, was vier Räder hat. Privat bewegt er sich gerne auf Zweirädern – auch da am liebsten motorisiert.
Krummer Rücken, rissige Hände – der Webstuhl rattert Tag und Nacht. Dampf speiende Eisenbahnen und Schiffe lassen Entfernungen schrumpfen und erschließen neue Märkte. Mit der industriellen Revolution ziehen Menschen in die Städte, wo Wohnraum zwar teuer, eng und dreckig ist, dafür aber nah an den Fabriken. Reisen ist ein teures Vergnügen und berufsbedingtes Pendeln, wie wir es heute kennen, für den Arbeiter des 19. Jahrhunderts unmöglich.

Entstehen neuer Siedlungsformen

Entstehen neuer Siedlungsformen

Nach der Erfindung des Automobils im Jahr 1885 wird die Motorisierung zur Ikone des gesellschaftlichen Aufstiegs. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwerfen Stadtplaner die autogerechte Stadt, die vor allem in den wuchernden amerikanischen Metropolen verwirklicht wird. Dort ist sie bis heute spürbar: „In den USA werden die Flächen extensiv genutzt und die Bevölkerungsdichte ist so gering, dass diese für den öffentlichen Nahverkehr kaum zu erschließen sind“, verdeutlicht Professor Dr. Dirk Heinrichs. Er ist Leiter der Forschungsabteilung „Mobilität und Urbane Entwicklung“ am Berliner DLR-Institut für Verkehrsforschung. In Millionenstädten wie Phoenix oder Houston legen die Bewohner bis zu 92 Prozent aller Wege im städtischen Bereich mit dem eigenen Auto zurück. Auch jenseits der USA führt das Auto zu neuen Siedlungsformen: Vorstädte und Speckgürtel der Ballungszentren gelten als Wohnideal – mit Erst- und Zweitwagen als Nabelschnur zur Arbeits- und Geschäftswelt. Dörfer sind nur noch überlebensfähig, weil deren Bewohner durch eigene Autos flexibel sind.

Menschen und Güter immer mobiler.

Vier Fakten:

  • 43 Prozent der Mobilität in Deutschland verursachen Urlaubs- und Freizeitverkehr, nur 22 Prozent sind Berufs- und Ausbildungsverkehr, errechnet das Bundesumweltamt
  • 14.000 Kilometer legt jeder Deutsche pro Jahr etwa zurück
  • Der weltweite Seehandel hat sich seit den 1970er-Jahren fast vervierfacht
  • Der Binnengütertransport wuchs in den letzten 25 Jahren teilweise um mehr als 60 Prozent. Der Transport über die Straße steigt, per Bahn und Binnenschiff nimmt er ab. Globalisierung und Online-Handel sind die Ursachen

Wer Erfolg haben will, muss mobil sein

Wer Erfolg haben will, muss mobil sein

Wohlstand und Mobilität sind eng verwandt. Die US-Behörde Energy Information Administration (EIA), die zum Energieministerium gehört, belegt einen weltweit fast linearen Zusammenhang zwischen der Wirtschaftsleistung pro Kopf und den zurückgelegten Kilometern pro Personen. Auch in den Schwellenländern ist Mobilität die Voraussetzung für soziale Teilhabe, individuellen Erfolg und gesellschaftlichen Fortschritt – und das Resultat steigender Wirtschaftsleistung. Wenn 2050 neun Milliarden Menschen auf der Erde leben, wird der Mobilitätsbedarf weiter steigen – während gleichzeitig die Ressourcen knapper und die Anforderungen an den Umweltschutz steigen werden.
© Rinspeed
Beim autonomen Fahren lässt sich die Fahrzeit zum Entspannen oder Arbeiten nutzen.

Schluss mit „Nine-to-five“

Schluss mit „Nine-to-five“

In der Mobilität der Zukunft werden Arbeitswege unabhängiger von starren Fahrplänen; denn auch Arbeitszeiten befreien sich zunehmend vom klassischen „Nine-to-five“-Korsett. Weil sich der öffentliche Raum immer weiter zersiedelt, werden parallel dazu die Wege zum Arbeitsplatz immer länger. Umso wichtiger wird es, die Fahrzeiten zu nutzen: in autonomen Fahrzeugen zum Arbeiten oder zur Entspannung. Zunehmende Urbanisierung rückt die Mobilität auch für Freizeitaktivitäten immer mehr in den Mittelpunkt. Wie gelingt es, schnell und clever zum Klettern, zum Mountainbike-Trail oder zum Baggersee zu kommen? Auch unser Konsumverhalten verlangt nach neuen Mobilitätskonzepten, wie die ZF- Zukunftsstudie 2016 – „Die Letzte Meile“ zeigt. Gesteigerter Onlinehandel, mehr Sendungen und idealerweise „Same Hour Delivery“. Das führt dazu, dass Paketdienstleister mehrfach, dezentral und in kleineren Mengen ausliefern müssen.

Disruptiv hoch drei

Disruptiv hoch drei

Konventionelle Mobilitätskonzepte im Personen- und Warentransport funktionieren schon heute kaum noch. „Wir erleben gerade eine fundamentale Umwälzung in der Struktur der Arbeit und des Transports“, beschreibt Chris Urmson. Er ist Mitbegründer und CEO des Mobilitäts-Start-ups Aurora sowie ehemaliger Leiter des Google-Car-Programms. Urmson identifiziert drei disruptive Entwicklungen, die zeitgleich ablaufen und den Weg zu neuen Lösungen ebnen. Erstens: der Wechsel vom Verbrennungs- zum Elektromotor . Zweitens: die zunehmende Vernetzung von Fahrzeugen. Drittens: das autonome Fahren. Darauf basierend benennt eine aktuelle Zukunftsstudie des deutschen Automobilclubs ADAC verschiedene Merkmale, die in Zukunft unsere Mobilität prägen und sich gegenseitig beeinflussen.

Freuen wir uns auf sauber, vernetzt und intelligent

Freuen wir uns auf sauber, vernetzt und intelligent

Die neue Mobilität kommt nicht über Nacht. Es wird ein jahrzehntelanges Nebeneinander von alten und neuen Konzepten geben. Neue Mobilitätslösungen werden zunächst dort umgesetzt, wo die Probleme am drängendsten sind, der Wille zur Lösung am größten und die notwendige Wirtschaftskraft vorhanden ist. Während etwa chinesische Großstädte den öffentlichen Verkehr komplett auf Elektromobilität umstellen, wird sich auf dem Land oder in anderen Teilen der Welt eine Familie über den mühsam ersparten Motorroller mit Zweitaktmotor als Familienfahrzeug freuen. Dennoch, die neue Mobilität wird unsere Welt langfristig verändern. Sie wird sauber, vernetzt und intelligent. Freuen wir uns drauf!
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Das ZF Intelligent Dynamic Driving Chassis ist Basis für das Rinspeed SNAP Concept Car.

Clever und elektrisch unterwegs

Mobil auf und unter der Erde.

Drei Beispiele aus der Zukunft:

Oasen der Entspannung

Oasen der Entspannung

Elektrisch angetriebene autonome Autos und Robotaxis spielen als Individualfahrzeuge neben dem Bahn- und Busverkehr eine entscheidende Rolle. Für den Pendler werden selbstfahrende Autos zu Refugien zwischen Arbeitsplatz und Zuhause. So sind die voll vernetzten Fahrzeuge zugleich rollende Arbeitszimmer und Oasen der Entspannung samt digitaler, multimedialer Vernetzung. Weil künstliche Intelligenz das Fahrzeug lenkt, muss sich der Fahrer nicht auf den Verkehr konzentrieren. Für die Fahrt in die urbanen Zentren stehen Robotaxis mit bedarfsoptimierter Streckenführung bereit. Weil der ruhende Verkehr in den Städten deutlich abnimmt, und die maximal 30 km/h schnellen Taxis nur ein Drittel der Verkehrsfläche eines „normalen“ Pkw benötigen, lassen sich Straßen und Parkplätze zurückbauen und in Grünflächen umwandeln.
© ZF Friedrichshafen AG

Im Hyperloop von Stadt zu Stadt

Im Hyperloop von Stadt zu Stadt

Für große Entfernungen nutzen wir den „Hyperloop“. In Kapseln reisen wir innerhalb eines Röhrensystems – wie in der Rohrpost, aber mit bis zu 1.200 Kilometern pro Stunde. Die 650 Kilometer zwischen San Francisco und Los Angeles soll der Hyperloop in einer halben Stunde schaffen. Initiator dieses Transportmittels ist Tesla-Chef Elon Musk. Im Juli 2017 legte ein Prototyp erstmals auf einer nur wenige hundert Meter langen Teststrecke seine erste Fahrt zurück. Weil ein künstliches Vakuum die Fahrwiderstände auf ein Minimum reduziert, ist der für den Hyperloop nötige Energieaufwand extrem niedrig. Auf Stelzen oder unter der Erde bildet dieses System ein kontinentales U-Bahn-Netz, das die Metropolen noch enger zusammenwachsen lässt.
© Hyperloop One

U-Bahn für Güter

U-Bahn für Güter

Die „Cargo sous terrain AG“ (CST), 2017 in der Schweiz gegründet, verlagert den Warenverkehr in ein Tunnelnetz. In Röhren, 50 Meter unter der Erde. Dort, bewegen sich voll automatisierte und unbemannte Fahrzeuge mit 30 km/h und elektromagnetischem Induktionsantrieb. Der CST transportiert Europaletten und kleinere Standardbehälter, zum Beispiel für Frischwaren und Abfallentsorgung. Kernstück des Transportsystems CST sind die Hubs in Großstädten sowie in Zentrallagern von Unternehmen zur Be- und Entladung. Teil des Gesamtlogistiksystems ist eine oberirdische City-Verteilung mit elektrischen Zustellfahrzeugen. Dank Cargo sous terrain verschwindet der Güterverkehr von der Oberfläche.
© Cargo sous terrain

In Kürze: In jedem der zwei vergangenen Jahrhunderte haben sich das Leben der Menschen und die Art der Fortbewegung dramatisch verändert. Um die Mobilität von bald neun Milliarden Menschen und immer mehr Gütern zu sichern, brauchen wir neue Verkehrskonzepte. Studien, technologische Entwicklungen und Beispiele zeigen, wie die Mobilität der Zukunft aussieht: sauber, vernetzt und intelligent.