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©Avoid Obvious Architects: Seun CityWalk
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Urbane Mobilität: Stressfrei durch die Stadt

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Unaufhaltsam wachsen unsere Städte, und damit auch Lärm und Abgase. Ein Ausweg ist der intelligente Mix emissionsfrei angetriebener und autonom fahrender Transportmittel, für die ZF bereits heute zahlreiche Komponenten und Systeme anbietet.
Kathrin Wildemann, 07. Dezember 2017
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Kathrin Wildemann gehört seit 2016 zum festen Autorenteam bei ZF. In On- ebenso wie in Offline-Beiträgen beschäftigt sie sich bevorzugt mit Elektromobilität und anderen Nachhaltigkeitsthemen.
Mein Ausflug in die Mobilität der Zukunft startet mit einem kurzen Spaziergang. Eine App lotst mich zum Elektroflitzer eines Sharing-Dienstes, der in einer Seitenstraße parkt. Auch ohne eigenes Auto bin ich damit heute mobil und flexibel. Ich muss ins Möbelhaus, um ein Wohnzimmer-Regal anzuschauen. Nach PIN-Eingabe surrt der Wagen los. Bezahlt wird das Ganze im Hintergrund ohne mein Zutun, sekundengenau und nur so lange, wie ich das Fahrzeug nutze.

Neue Verkehrskonzepte braucht die Stadt

Neue Verkehrskonzepte braucht die Stadt

Für den späten Vormittag im Stadtverkehr ist diese Form der Fortbewegung einfach ideal. Emissionen? Fehlanzeige. Das Auto fährt mit Batteriestrom. Der Rückweg am Nachmittag dann klassisch mit ÖPNV – denn das Regal lasse ich mir liefern, und die Straßen füllen sich bereits mit Pendlern. Eine Kombination aus U-Bahn und Hybrid-Bus mit Brennstoffzelle bringt mich zu einer der zahlreichen E-Bike-Sharing-Stationen.
Der Selbstversuch mit Mobilitäts-App zeigt: Es tut sich was im öffentlichen Nahverkehr. Die Stichworte heißen „seamless“ und „intermodal“ und stehen für den intelligenten Wechsel unterschiedlicher Verkehrsträger, um flüssig voranzukommen. Der Bedarf nach neuen Lösungen für den Stadtverkehr ist enorm. Der Megatrend der Urbanisierung hat in den vergangenen Jahrzehnten auf der ganzen Welt Riesenstädte entstehen lassen, die größten von ihnen mit mehr als zehn Millionen Einwohnern. Tendenz weiter steigend. Schon heute leiden die Anwohner vieler Metropolen an den Folgen des Verkehrschaos. Zur Rush Hour brauchen Pendler in Sao Paulo (rund 12 Millionen Einwohner) gut und gerne zwei Stunden zusätzlich, um an ihr Ziel zu kommen. Wer im Großraum Los Angeles zwischen 17 und 18 Uhr Auto fährt, muss im Schnitt 84 Prozent mehr Zeit einkalkulieren, in Bangkok sogar 118 Prozent mehr als außerhalb der Stoßzeiten. Pkw in der Stadt erzeugen weitere Probleme: Städte halten zwischen fünf bis 15 Prozent des Stadtgebiets als Parkflächen vor. Trotzdem verbringen Autofahrer bis zu 30 Prozent der Fahrtzeit mit der Suche nach einem Parkplatz – und erhöhen damit die Verkehrsdichte und die Emissionen weiter.
Es ist nicht so sehr das Auto an sich als vielmehr die Art seiner Nutzung, die heute in den modernen Großstädten an ihre Grenzen stößt, meint Dr. Jennifer Dungs. Sie ist die ehemalige Institutsdirektorin für Mobilitäts- und Stadtsystem-Gestaltung am Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation in Stuttgart: „Der Wunsch, Spaß am Fahren zu haben, tritt in den Hintergrund. Künftig geht es um den Spaß daran, voranzukommen – und zwar nahtlos, ohne Wartezeiten und genau nach Bedarf.“
Urbane Zukunftsvision: Das Projekt Seun CityWalk der Avoid Obvious Architects.

Elektromobilität: Stadtverkehr unter Strom

Elektromobilität: Stadtverkehr unter Strom

Es ist eine Lösung in mehreren Teilen, die sich für die urbanen Zentren und ihr Umland abzeichnet: Stärkere Vernetzung aller Verkehrsträger, neue, ergänzende Mobilitätsangebote, die auf autonomen, elektrisch angetriebenen Fahrzeugen basieren. Klar ist auch: Mit Robo-Taxis allein wird sich das Mobilitätsproblem der Städte nicht lösen. Es braucht weiterhin leistungsfähige öffentliche Verkehrsträger – eben möglichst vernetzt und emissionsfrei.
Viele kommunale Verkehrsbetriebe setzen deshalb für die Zukunft gezielt auf Nahverkehrsmittel mit E-Antrieben – insbesondere beim Bus, der nach wie vor das flexibelste und wichtigste Vehikel zur Personenbeförderung in Städten ist. Vorreiter ist China, wo Ende 2015 bereits 173.000 rein elektrische Busse im urbanen Personenverkehr eingesetzt waren, vor allem in den Metropolregionen Peking, Shanghai und Shenzen. Ein Report des internationalen Verbands öffentlicher Verkehrsträger UITP zählt für Europa 25 Städte auf, die bis 2020 ihre E-Bus-Flotte um insgesamt 2.500 Fahrzeuge aufstocken werden oder es schon getan haben. Weitere 13 Metropolen wollen ihre Flotte bis 2025 elektrifizieren und bis dahin insgesamt 6.100 E-Busse zusätzlich anschaffen – ein rein elektrischer Anteil von dann immerhin 43 Prozent. Die UITP schätzt, dass angesichts der steigenden Nachfrage bei den europäischen Herstellern die Serienproduktion rein elektrischer Busse zwischen 2018 und 2020 auf vollen Touren läuft.
Mit Robo-Taxis allein wird sich das Mobilitätsproblem der Städte nicht lösen.

ZF hat sich auf diesen Wandel bereits eingestellt. „Wir haben in den vergangenen Jahren unser Produktportfolio für den elektrischen Antrieb konsequent erweitert und decken heute das Spektrum von E-Antrieben für urbane Mobilität vom Gelenkbus bis zum Fahrrad vollständig ab“, so Jörg Grotendorst, Leiter der Division E-Mobility bei der ZF Friedrichshafen AG. So hat der Konzern im vergangenen Herbst einen neuen elektrischen Zentralantrieb für Busse vorgestellt. Großer Vorteil von CeTrax ist, dass sich auch bestehende Fahrzeugplattformen ohne größere Änderungen auf den E-Antrieb umstellen lassen – das gibt Herstellern größere Flexibilität bei der Produktion. Mit der Elektroportalachse AVE 130 hat ZF schon einen serienerprobten Klassiker im Angebot: Der radnahe E-Antrieb bringt Niederflurbusse weltweit leistungsstark und emissionsfrei durch den Stadtverkehr.
Für den Automobilbereich hat das Unternehmen 2016 das neu entwickelte mSTARSpräsentiert – ein komplettes Achssystem, in das sich der elektrische Antrieb dank der in der Branche einzigartigen modularen Bauweise optimal integrieren lässt. Mit einem Leistungsspektrum von bis zu 150 Kilowatt deckt es Mittelklasse-Pkw und leichte Nutzfahrzeuge ab. Am unteren Ende der Größenskala hat der kleinste E-Antrieb von ZF einen Durchmesser von nur neun Zentimetern: Mit einem 48-Volt-Mittelmotor bringt der sehr kompakte E-Bike-Motor nur zwei statt üblicherweise vier Kilo auf die Waage. Für ZF ist das nur der erste Schritt in Richtung Mikromobilität.
Das modulare Achssystem mSTARS bringt Pkw und leichte Nutzfahrzeuge emissionsfrei voran.

Car Sharing: Geteiltes Fahrzeug, doppelte Effizienz

Car Sharing: Geteiltes Fahrzeug, doppelte Effizienz

Bleibt die Herausforderung, die verstopften Straßen von der automobilen Blechlawine zu befreien. Ein Grundgedanke vereint alle Ansätze, den Stadtverkehr effizienter und flüssiger zu machen – weg vom Privat-Pkw, hin zu Sharing-Lösungen. Das beinhaltet nicht nur das bereits erwähnte Car Sharing, sondern auch Ride Sharing, eine Art modernes Anrufsammeltaxi: Ein Algorithmus bündelt Passagiere mit ähnlicher Wegstrecke und befördert sie in einem Fahrzeug statt in mehreren. Eine Untersuchung der OECD hat im Frühjahr 2017 ergeben, dass sich die Menge der gefahrenen Kilometer – eine Kennzahl für das Verkehrsaufkommen – in einer europäischen Großstadt wie Lissabon durch solche Konzepte mehr als halbieren ließe. Voraussetzung für nutzerfreundliches Teilen ist die Vernetzung der Fahrzeuge sowohl untereinander wie auch mit verschiedenen Plattformen, welche die Fahrten und Nutzer koordinieren. Auch hier ist ZF mit Innovationen präsent, um die Einführung moderner Verkehrskonzepte zu flankieren: Die automobile Geldbörse “Car eWallet”, die ZF mit UBS und IBM entwickelt hat, ermöglicht es den Fahrzeugen nicht nur, selbstständig Bezahlvorgänge an Ladesäulen zu tätigen, sondern bietet auch eine sichere Transaktions-Lösung für Car Sharing.
Gemeinsam mit UBS und IBM hat ZF Car eWallet entwickelt.

Robotaxis und Cargo Mover – autonome Fahrzeuge von morgen

Robotaxis und Cargo Mover – autonome Fahrzeuge von morgen

Eine Mobilitätslösung mit viel Potenzial für die Zukunft ist im heutigen Stadtverkehr noch völlig unsichtbar, obwohl sie technisch bereits umsetzbar ist: autonom fahrende Busse und Taxis. Gerade in Kombination mit Sharing-Konzepten dürften autonome Fahrzeuge den Stadtverkehr grundlegend verändern. Abgesehen von Lade- oder Wartungszeiten könnten sie rund um die Uhr im Einsatz sein und beanspruchen keine Parkflächen. Eine Studie der Münchner Unternehmensberatung Berylls kommt zu dem Ergebnis, dass in der bayerischen Landeshauptstadt 200.000 Privat-Pkw durch 18.000 autonome Taxis ersetzt werden könnten.
Um diese Entwicklung voranzutreiben, beteiligt sich ZF an dem Aachener Start-up e.GO Mobile AG. Das rein elektrisch angetriebene, modulare Gefährt e.GO Mover befördert je nach Aufbau Personen oder Fracht und kann völlig autonom fahren. Eine teilautonome Vorstufe dieser People und Cargo Mover wird bereits ab 2019 ausgeliefert. ZF-Technik lässt dieses Fahrzeug sehen, denken und handeln: Der Konzern liefert den E-Antrieb sowie die gemeinsam mit Nvidia entwickelte Künstliche-Intelligenz-Plattform ZF ProAI, ebenso Kameras, Radarsensoren, Lenkungen und Bremssystemen.
Wenn ich meinen Selbstversuch in ein paar Jahren wiederhole, komme ich wohl dank Robotaxis noch effizienter durch die Stadt. Und derselbe Fahrzeugtyp bringt dann als Cargo Mover auch mein Regal nach Hause - emissionsfrei und just-in-time.
Der e.GO Mover befördert ab 2019 Menschen.