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Insassenschutz, neu definiert

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Autonomes Fahren eröffnet Fahrern und Passagieren neue Freiheiten: etwa entspannt liegen oder während der Fahrt arbeiten. Vier Gründe, warum Sicherheitssysteme neu zu denken sind, und was ZF bereits erreicht hat.
Stefan Schrahe, 07. September 2017
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Stefan Schrahe schreibt seit drei Jahrzehnten über alles, was vier Räder hat. Privat bewegt er sich gerne auf Zweirädern – auch da am liebsten motorisiert.
Hände am Lenkrad, die Füße auf den Pedalen, den Blick nach vorne gerichtet: So sitzen Fahrer bereits seit den automobilen Anfängen. „Weil die Position immer gleich war, ließ sich eine weitgehend standardisierte Sicherheitsarchitektur entwickeln“, sagt Swen Schaub, ZF-Experte für Insassenschutz. Doch in den Fahrzeugen der Zukunft, die autonom unterwegs sein werden, ändert sich vieles: Auf drehbaren Sitzen können Fahrer und Mitfahrer wie heute voreinander oder sich gegenüber sitzen, und das mit aufgerichteter oder flach gestellter Rückenlehne. Wie lässt sich trotz derartig flexibler Sitzpositionen mindestens das gleiche Sicherheitsniveau erreichen, wie wir es heute kennen? Vier Gründe, warum Sicherheitssysteme stark weiterentwickelt werden müssen.

720
720 Stunden sitzt ein Beschäftigter in den USA durchschnittlich pro Jahr im Auto.
Das ist deutlich mehr Zeit, als er mit dem Ansehen von Filmen verbringt oder für Treffen mit Freunden.

1. Neue Fahrzeuge brauchen neue Sicherheitssysteme

1. Neue Fahrzeuge brauchen neue Sicherheitssysteme

Spezialisten von ZF haben untersucht, wie sich unterschiedliche Sitzpositionen auf die Schutzfunktion heutiger, konventioneller Rückhaltesysteme auswirken. Was passiert etwa, wenn der Fahrer während der Fahrt ein Tablet vor sich hat, was passiert, wenn er in gewohnter Position im Fahrzeug sitzt oder Positionen mit zur Seite oder nach hinten gedrehtem Fahrersitz einnimmt. Alle Szenarien zeigen, dass es teilweise zu erheblichen Veränderungen bei der Performance des Sicherheitssystems kommt. Im Falle des um 180 Grad gedrehten Fahrersitzes lassen sich einige Schutzsysteme überhaupt nicht mehr sinnvoll nutzen.
Erkenntnis: Sicherheitssysteme müssen künftig stärker in die Gesamtkonzeption des Innenraums integriert werden. So werden sich Airbags künftig nicht mehr nur aus dem Lenkrad oder der Instrumententafel entfalten, sondern auch aus dem Dach oder aus den Sitzen. Um jede Sitz- und Liegeposition bestmöglich abzusichern, ist ZF eine Partnerschaft mit dem Innenraumspezialisten Faurecia eingegangen. Erste Ergebnisse der seit Anfang Mai 2017 bestehenden Kooperation sind bereits vier Monate später auf der IAA zu sehen: ein gemeinsamer Konzeptsitz inclusive Gurten, Gurtstraffern und Airbags mit vielen konstruktiven Neuerungen.
© ZF
Neue Freiheiten im Auto der Zukunft erfordern neue Systeme.

2. Verbesserter Crash-Schutz für Batterien in Elektromobilen

2. Verbesserter Crash-Schutz für Batterien in Elektromobilen

Nicht nur der Megatrend „Autonomes Fahren“ verlangt nach vollkommen neuen Sicherheitskonzepten. Auch die Elektromobilität erfordert ein Umdenken. Schließlich führt die zunehmende Elektrifizierung des Antriebsstrangs zu neuen Fahrzeugarchitekturen. Weil Reichweite ein wesentliches Erfolgskriterium bleibt, wird jeder Kubikzentimeter Raum im Fahrzeug für die Antriebsbatterie genutzt. Problem: Batterien in crash-relevanten Bereichen sind ein hohes Sicherheitsrisiko; sie brauchen einen besonderen Schutz. Eine Lösung: Kameras, Radar und Lidar können einen drohenden Aufprall erkennen und Millisekunden vor dem Einschlag externe Airbags aktivieren. Diese Airbags schützen gleichzeitig die sensiblen Batterien und die Insassen.
© ZF
Ob Pkw oder People Mover: Der Insassenschutz autonomer Fahrzeuge muss neu gedacht werden.

3. Vertrauen in autonome Systeme aufbauen

3. Vertrauen in autonome Systeme aufbauen

Beim Einführen neuer Technologien darf es keine Einbußen bei der Sicherheit geben – auch, weil die Öffentlichkeit auf Probleme hier besonders empfindlich reagiert. So hat ein einziger tödlicher Unfall eines autonom fahrenden Automobils in den USA im Jahr 2016 weltweit mediale Beachtung gefunden und Zweifel an der Technologie geweckt. Paradox erscheint, dass wir gleichzeitig Tausende Tote jedes Jahr bei Unfällen mit von Menschen gelenkten Fahrzeugen in Kauf nehmen. Frank Laakmann, Engineering Director Occupant Safety bei ZF, kennt die Herausforderung: „Wenn unsere Kunden automatisierte Fahrzeuge einführen, wollen sie das Vertrauen in ihre Marken aufrechterhalten. Dafür müssen sie Systeme bieten, die Menschen auch in den neuen Szenarien zu schützen.“ Dass ZF zum einen Technologien für das autonome Fahren entwickelt und zum anderen Komponenten für elektrische Antriebe im Portfolio hat, ist aus Sicht von Swen Schaub ein Vorteil, um die Position als Technologieführer für Sicherheitssysteme zu festigen: „Wir arbeiten daran, Sensor- und Verarbeitungsfunktionen zu vernetzen, um die Schutzeinrichtungen intelligent anzusteuern. Diesen kognitiven Sicherheitssystemen gehört die Zukunft.“

4. Den Übergang in die neue Ära der Mobilität gestalten

4. Den Übergang in die neue Ära der Mobilität gestalten

Wozu aber überhaupt neue Sicherheitskonzepte, wenn durchs autonome Fahren weniger Unfälle passieren? Einfache Antwort: Auch im Zeitalter der selbstfahrenden Fahrzeuge und erst recht in der Übergangszeit dorthin lassen sich Unfälle nie vermeiden. Zwar sind automatisierte Systeme den menschlichen Fähigkeiten auf allen kognitiven Ebenen überlegen – vom Sehen über das Abwägen von Entscheidungen bis zum Aktivieren der Reaktion. Bis das vollautomatisierte Fahren allerdings Realität wird, gehen nach Meinung von Experten noch etwa 15 Jahre ins Land. Für ZF-Sicherheitsexperte Frank Laakmann steht fest: „Mit der Einführung automatisierter Autos verschwinden Insassenschutzsysteme nicht, sondern entwickeln sich weiter.“ Laakmann muss bei der Entwicklung von neuen Konzepten berücksichtigen, dass es noch lange Zeit im Straßenverkehr ein Nebeneinander von autonom fahrenden Fahrzeugen und vom Menschen gesteuerten Autos geben wird. Größtmöglicher passiver Unfallschutz bleibt also noch auf Jahrzehnte hinaus ein extrem wichtiges Thema.