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Spurensuche: Understatement aus Tradition

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Tags: Motorsport, Heritage
Maserati hat sich den Anspruch auf modernste Fertigungs- und Arbeitsbedingungen auf die Fahne geschrieben. Wir wollten erfahren, wie diese Anforderungen umgesetzt werden.
Janine Vogler, 26. März 2019
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Janine Vogler Oldtimer liegen der gelernten Journalistin besonders in der Verbindung mit ZF-Produkten am Herzen. Privat ist sie lieber mit Hund in der Natur oder Motorrad unterwegs.
Wer in die Produktionshallen in Modena möchte, wird zuerst durch den von Industriedesigner Ron Arad entworfenen Showroom geleitet und beeindruckt: Auf einer imposanten, Zehn-Tonnen-schweren Wabenkonstruktion aus Carbon und Glasfasern, führt eine Rennschleife in die Luft. Das Hauptgewicht liegt auf dem Sockel und trägt erhaben einen perfekt restaurierten 6CM. Das in den traditionellen Maserati-Farben blau und rot gehaltene Gesamtkunstwerk soll vor allem an glorreiche Siege in Indianapolis erinnern.

Maserati hat sich den Anspruch auf modernste Fertigungs- und Arbeitsbedingungen auf die Fahne geschrieben. Das Ferrari-Management hatte für Maserati in den ersten vier Jahren nach der Übernahme sehr umfangreich in neue Fabriken und Fertigungsstraßen in Modena investiert. Bei Ferrari selbst wurde erst zehn Jahre später „renoviert“. Die Karosserien werden bei Turin gebaut und von dort nach Maranello zu Ferrari zur Lackierung geschickt, wo auch die Motoren gebaut werden. Im Stammsitz in Modena arbeiten rund 500 Mitarbeiter. Hier werden in zwölf Montagestationen Antriebsstrang und Karosserie zusammengeführt und die Mechanik zusammengebaut und abgestimmt. Sauber aufgereiht stehen die ZF-Automatgetriebe an der Seite und warten auf die ‚Hochzeit‘: der Moment, in dem Karosserie und Antriebsstrang zusammengebaut werden. Jede Schraube wird perfekt eingedreht, dabei wird vom Computer das Drehmoment nach Newtonmeter gesteuert. Diese 100-prozentige Kontrolle soll keine Chance für Fehler zulassen. Alle Arbeitsplätze bieten mit modernsten 90°-Rotationen optimale, ergonomische Konditionen. Es gibt praktisch keine Über-Kopf-Arbeit: der Mitarbeiter hat das Auto vor sich und seinen Händen.
Unter dem Dreizack: Das Firmenlogo von Maserati stammt aus der Mythologie.

Anschließend wird auf weiteren zwölf Stationen das Interieur ausgestattet. Es wird nur eine Tagschicht mit acht Stunden an fünf Werktagen gefahren. Insgesamt werden hier 20 Autos der Modelle Gran Turismo und Gran Cabrio am Tag fertiggestellt, aber auch ein Alfa 4C ist immer mal wieder dazwischen. Alle Autos sind vorbestellt und jedes einzelne wird nach individuellen Wünschen zusammengestellt. In der Summe kommt man mit allen möglichen Kombinationen insgesamt auf über 40 Millionen (!) Ausstattungsvarianten. Die verschiedenen Modelle werden absichtlich nacheinander gereiht, das garantiert mehr Interesse an der Arbeit. Im Schnitt bleibt ein Mitarbeiter trotzdem höchstens sieben Monate an einem Arbeitsplatz, dann wird gewechselt. Ein Teamleiter ist jeweils für vier Stationen verantwortlich und bleibt acht bis zehn Jahre in einer Linie.

Nach der Montage wird jedes Fahrzeug bei 160 km/h auf dem Rollenprüfstand auf ABS, Bremsen, Getriebe und Kupplung getestet. Dann muss es die Wasserprüfung mit 3000 Litern pro Minute über sich ergehen lassen. Danach ist noch nicht Schluss: Jedes Auto wird an der Nase verpackt und 40-50 Kilometer in der Stadt, auf Autobahn oder Rennstrecke gefahren. „Dabei müssen 288 km/h erreicht werden können. Der Testfahrer muss das Auto fühlen“, erklärt der ehemalige Vertriebschef Giorgio Manicardi stolz: „Zuletzt wird es in dem finalen Feinarbeitsbereich drei Stunden lang aufbereitet und jede auch nur kleinste Macke wird eliminiert. Wir haben die beste „Beauty-Farm“ der Welt und in dieser Qualitäts-Kontrolle arbeiten nur Frauen!“
Doch das ist immer noch nicht genug: Am Ende wird das Auto von einer externen Firma gegengecheckt, die tragen dann auch die finale Verantwortung.

„Der Testfahrer muss das Auto fühlen …“ - Giorgio Manicardi

Während in Modena nur zwanzig Autos pro Tag zusammengebaut werden, entstehen im Werk Avvocato Giovanni Agnelli (ehemaliges Bertone-Werk) in Grugliasco am Tag 130 Fahrzeuge der Modelle Ghibli und Quattroporte. Dieses neue Maserati Werk bei Turin nahm mit einer ebenfalls hoch modernen Produktionsanlage Anfang 2013 offiziell seinen Betrieb auf. Auch hier wurde von Anfang an auf fortschrittliches World Class Manufacturing und strengste Qualitätskontrollen gesetzt. Der zweite Fertigungsstandort neben dem Stammsitz in Modena war notwendig geworden, um die Modelloffensive von Maserati und den Wachstumskurs des Unternehmens realisieren zu können. Im dritten Produktionsstandort, im Werk Mirafiori, entsteht das erste SUV von Maserati, der Levante. Die in Grugliasco gewonnenen Erkenntnisse und Prozesse wurden auf die neue Fertigungsstraße übertragen. Weltweit werden inzwischen 90 Prozent Automatikgetriebe ausgeliefert und nur zehn Prozent Schaltgetriebe, wobei die meisten in Italien und Deutschland gefragt sind. Auf den europäischen Markt umgerechnet ist das Verhältnis von Automat- zu Schaltgetrieben 70:30. Der Fiat-Chrysler-Konzern will den Traditions-Hersteller zur Elektromarke machen.

Als Markenclaim hat sich das Marketing bei Maserati für „The Absolute Opposite of Ordinary“ entschieden. Die akute Sucht nach dem Sound der Motoren oder das paralysierte Träumen beim Anlassen desselben treten häufig bei Kontakt mit den beschriebenen Produkten auf. Bei der Vorstellung, dass wir in Zukunft von diesen klassischen Maserati-Nebenwirkungen geheilt sein könnten, kommt spontan wenig Freude auf. Aber sie macht neugierig, denn auch in Zukunft wird im Zeichen des Dreizacks sicher viel Neues möglich werden.
Hoffentlich auch in Zukunft absolut mit ZF und hoffentlich alles - außer gewöhnlich.
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Wahrzeichen: Kühlergrill vom Maserati Gran Turismo.

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