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Trainingscamps für autonome Autos

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Tags: NullUnfälle, AutonomesFahren, Connectivity, Sicherheit

Auch autonome Autos müssen in die Fahrschule. Dafür stehen weltweit Übungsplätze zur Verfügung, auf denen die Algorithmen in Ruhe trainieren und Daten sammeln können. Danach geht es auf die Straße – und auch das zunächst noch unter Testbedingungen.
Stefan Schrahe, 28. Februar 2019
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Stefan Schrahe schreibt seit drei Jahrzehnten über alles, was vier Räder hat. Privat bewegt er sich gerne auf Zweirädern – auch da am liebsten motorisiert.
Bevor sie sich im öffentlichen Verkehr – wie der ZF-Teststrecke in Friedrichshafen – bewähren dürfen, müssen Technologien für autonome Fahrzeuge in der Simulation oder auf dem Prüffeld erprobt werden. Dazu stehen weltweit die verschiedendsten Testgelände zur Verfügung. Auch große Verkehrsübungsplätze, auf denen normalerweise Führerscheinanwärter ihre Fahrkünste erproben, eignen sich ideal, um selbstfahrende Autos an den Verkehr zu gewöhnen.

Erfahrungen aus China

Erfahrungen aus China

Der chinesische Carsharing-Betreiber Pand Auto testet in Peking bereits Pkw, die mit der ZF-Baidu-Technologie ausgerüstet sind. Die chinesische Regierung nimmt das Thema sehr ernst: Sie unterstützt den Bau von großen Testarealen und eröffnete im Februar 2018 im Haidian Distrikt das erste Erprobungszentrum für autonome Fahrzeuge im Großraum Peking. Das ist sogar im wörtlichen Sinne eine Fahrschule für autonome Fahrzeuge. Denn Betreiber des 130.000 Quadratmeter großen Areals ist neben dem Beijing Innovation Center for Mobility auch die Haidian Driving School. Ziel ist, China zur führenden Nation bei elektrischen Autos und beim autonomen Fahren zu machen. Dafür wird außerdem im Großraum Peking ein knapp 55 Hektar großer Technologiepark erschaffen, dessen Erschließung in den nächsten fünf Jahren 13,8 Milliarden Yuan kosten soll. Das entspricht etwa 1,8 Milliarden Euro.
Auch in Singapur fahren seit Anfang 2018 autonome Fahrzeuge im Testbetrieb. Sie nutzen dafür CETRAN , eine zwei Hektar große Anlage der Technischen Universität Nanyang (NTU) und der Jurong Town Corporation (JTC).

Datensammeln unter realen Bedingungen

ZF sammelt auf einer Teststrecke in Friedrichshafen Daten für das automatisierte Fahren - sehr viele Daten.

M City: Simulierte Stadt auf 130.000 Quadratmetern

In den Vereinigten Staaten existieren insgesamt zwölf Testfelder. Die Universität Michigan hat sogar seit vier Jahren eine eigene simulierte Stadt in Betrieb. Auf den 130.000 Quadratmetern der „M City“ soll erforscht werden, wie autonom fahrende Autos mit Verkehrsteilnehmern wie anderen Fahrzeugen, Fußgängern und Radfahrern zurechtkommen. Das Areal verfügt über fünf Meilen (acht Kilometer) Straßen mit Kurven, Kreuzungen, Ampeln, Verkehrsschildern, Gehwegen, Gebäude-Attrappen, Straßenlaternen und Hindernissen wie Baustellen-Absperrungen. Der Bau dieses Erprobungsgeländes, das sogar einen Kreisverkehr, einen Tunnel und eine Brücke, 40 Gebäude-Fassaden und Fahrbahnen mit unterschiedlichsten Belägen umfasst, hat 6,5 Millionen Dollar – das entspricht etwa 5,6 Millonen Euro – gekostet.
Einen ähnlichen Ansatz verfolgt die CERMcity (Center for European Research on Mobility/Urban Validation Environment) der RWTH Aachen. CERMcity erweitert seit Oktober 2018 ein bereits erfolgreich etabliertes Prüfgelände, das zwischen 2009 und 2013 auf einer ehemaligen Zeche errichtet wurde, um einen mit Elektronik, Sensorik und Infrastrukturelementen ausgestatteten Straßenzug.
„Die Algorithmen der Fahrzeuge müssen trainiert werden. Prüffelder und speziell ausgewiesene Strecken sind ein notwendiger Zwischenschritt auf dem Weg von der Simulation zum realen Verkehr.“
— Gerhard Gumpoltsberger, Leiter Innovation Management & Projects bei ZF

Vom Prüffeld auf den Highway

Außerdem haben verschiedene US-Bundesstaaten Teile ihres Straßennetzes für die Erprobung bestimmter autonomer Systeme freigegeben. Unkomplizierte Zulassungsverfahren – begünstigt auch dadurch, dass auf endlosen Highways in Arizona oder Nevada kaum Verkehr ist – ermöglichen Testflotten von mehreren hundert Fahrzeugen. Viele der bereits laufenden oder geplanten Tests finden daher in den USA statt.
Auch in Deutschland gibt es bereits Teststrecken im öffentlichen Verkehr , auf denen sich autonome Fahrzeuge bewegen dürfen. Die bekannteste ist die A9 zwischen München und Nürnberg, die dort extra mit Radarsensoren ausgerüstet wurde. Seit Juni 2017 sind Testwagen auf Autobahnen im Raum Düsseldorf sogar bis ins städtische Straßennetz unterwegs. Der auch von ZF unterstützte Versuch „Kooperative Mobilität im digitalen Testfeld Düsseldorf“ läuft bis Juni 2019 und kostet 14,85 Millionen Euro. Neun Millionen Euro steuert die Bundesregierung bei, den Rest die zwölf Projektpartner.
Die Besonderheit: Neben den Erprobungsfahrzeugen sind auch mehrere hundert Serienfahrzeuge in den Versuch eingebunden, die mit Mobileye-Systemen ausgerüstet wurden. Diese Systeme bilden den Straßenraum digital ab. Die Informationen helfen schon heute bei Stauerkennung und Unfallprävention.
Auch auf den ausgewiesenen Teststrecken darf jedoch nicht jeder ausprobieren, ob eine im heimischen Labor entstandene Technologie auch wirklich funktioniert. Nur wer – wie ZF – im Besitz einer Musterfreigabe durch die europäischen Behörden ist, darf seine autonomen Technologien auf den Straßen der EU inklusive der Schweiz testen – und dass auch nur unter strengen Sicherheitsauflagen.