2019

#zfexperts

Von Bangalore an den Bodensee

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Saniya Khan, 08. Februar 2019
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Saniya Khan ist IT-Ingenieurin aus Indien. Seit Sommer 2018 ist sie für ein Jahr bei ZF in Deutschland und entdeckt hier täglich neue Aspekte ihrer Arbeit.
Ich hatte schon immer eine Leidenschaft für die Entwicklung von Steuerelektronik. Auch Signalverarbeitung fasziniert mich bis heute. Dass mich das eines Tages nach Deutschland führen würde, hätte ich niemals für möglich gehalten. Jetzt freue ich mich darauf, während meines zweijährigen Expat-Aufenthalts die Ergebnisse meiner Software-Entwicklung direkt im Labor oder auf dem Prüfstand zu sehen.

Seit letztem Sommer arbeite ich in Friedrichshafen und wundere mich manchmal selbst darüber, wie sich mein Leben in den letzten zwei Jahren verändert hat. 2016 habe ich noch in Chennai am Bengalischen Golf Steuerungssoftware für Windkraft-Turbinen entwickelt. Die Flutkatastrophe im Dezember 2015 aber hat mich dazu gezwungen, ins Landesinnere zu ziehen. In Bangalore habe ich in einem Ingenieurbüro für unseren Kunden ZF ein Demonstrations-Modell für Motorsteuerungen entwickelt.
So hat alles angefangen. Und die harte Arbeit hat sich gelohnt: ZF-Manager Ricardo Gonzalez wollte mich unbedingt in seinem Team haben, also zog ich ins 600 Kilometer entfernte Hyderabad. Auf einmal gehörte ich zu den ersten von 2.500 IT-Ingenieuren, die bis 2020 im ZF India Technology Center (ITC) eingestellt werden sollen.

In meinem für ein Jahr geplanten Aufenthalt in Deutschland entwickle ich jetzt Software für Getriebesysteme. Die Software besteht aus verschiedenen Komponenten wie der Applikationssignalaufbereitung, der Schaltstrategie, der elektrischen Getriebesystemsoftware (ETSYS – Electrical Transmission System Software), der Antriebsstrangsteuerung (Allradantrieb) und der Schnittstelle zum Fahrer. Unser Team kümmert sich hauptsächlich um die Entwicklung der Applikationssignalaufbereitung und der ETSYS-Komponenten.
Die Komponente für die Applikationssignalaufbereitung arbeitet mit der CAN-Schnittstelle zusammen, bereitet die Signale auf und führt lokale Diagnosen durch. Außerdem filtert und bestimmt sie die Initialwerte. Die Komponente bereitet dabei die Rohdaten der Sensoren auf und erzeugt so aussagekräftige Werte für die physikalischen Signale wie Motormoment, Fahrzeuggeschwindigkeit, Getriebetemperatur etc. Sobald wir von dieser Komponente die richtigen Signale erhalten haben, schicken wir diese Signale an andere Softwarekomponenten zur weiteren Berechnung.

Die ETSYS-Komponente ist für die Schaltsteuerung verantwortlich. Sie berechnet den aktuellen sowie den Zielgang, bestimmt den Kraftfluss, wendet Gangwechselalgorithmen an und wählt dann den nächsten einzulegenden Gang aus. Außerdem sorgt sie für ein geringes Verlustmoment beim Ein- und Auslegen der Kupplung. Zusätzlich besitzt ETSYS noch eine Sonderfunktion – die Adaptionsfunktion. Damit wird die Parameterkalibrierung auf die Alterung des Getriebes angepasst, sodass auch bei älteren Getrieben die Schaltqualität immer gleich bleibt.

Ich koordiniere die Entwicklungsaktivitäten zwischen dem ITC in Indien und Friedrichshafen. Diese Arbeit erfordert ein umfassendes Verständnis der Funktionsweise des Systems. Außerdem muss das Wissen mit den Kollegen in Indien geteilt sowie die Ingenieure und Entwickler angeleitet werden, sodass alle ihr Bestes geben können. Ein Ziel für die Zukunft ist, das ITC-Team auf Augenhöhe mit den Teams in Friedrichshafen zu bringen, sodass es unabhängig arbeiten kann. Ich bin für die Vorbereitung der Roadmap für dieses Projekt zuständig sowie für die Kapazitätsplanung, das Verständnis der Projektstruktur und den Informationsfluss zwischen Indien und Friedrichshafen. Ich unterstütze die Projektteams im ITC in technischer Hinsicht, fördere die transparente Kommunikation und organisiere auch die Schulungen für neue Teammitglieder.
„Ich habe bisher immer an Rechnerarbeitsplätzen gesessen und Codes geschrieben. Jetzt sehe ich an den Prüfständen oder im Labor zum ersten Mal die Produkte, die durch meine Software gesteuert werden.“

Ich bin begeistert, wie leidenschaftlich und engagiert meine Kollegen nach der besten Lösung suchen. Auch der Praxisbezug gefällt mir. Bisher habe ich immer an Rechnerarbeitsplätzen gesessen und Codes geschrieben. Jetzt bin ich live dabei und sehe an den Prüfständen oder im Labor zum ersten Mal die Produkte, die durch meine Software gesteuert werden. Ich bin auch bei Testfahrten dabei und lerne, wie die Algorithmen für unsere Automatgetriebe in der Praxis funktionieren.

Viele Leser fragen sich bestimmt: „Wie kommt es, dass eine junge Frau ihren Traumjob ausgerechnet in der Verarbeitung digitaler Signale und dem Programmieren von Algorithmen gefunden hat?“ Ich habe mich schon mit 14 Jahren auf der High-School für Computer interessiert. Nach wochenlanger Überzeugungsarbeit kauften mir meine Eltern endlich einen eigenen PC – den ich übrigens immer noch besitze und niemals verkaufen würde!

2004 schrieb ich mich, als eine von nur 15 Frauen unter 70 Studierenden, für Elektronik und Nachrichtentechnik ein und spezialisierte mich schnell auf digitale Signalverarbeitung und Steuergeräte-Software.
In meinen vorherigen Jobs habe ich zum Beispiel an der Software für Triebwerke des russischen Flugzeugherstellers Suchoi und für den Airbus A400M gearbeitet. Ein besonderes Highlight: Meine Zeit bei KPIT Technologies, in der ich an der Steuerungssoftware der Renault Formel 1-Motoren mitgearbeitet habe. Zugegeben, darauf bin ich schon sehr stolz. Denn so war ich zumindest ein kleines Stück an den vier Weltmeister-Titeln von Sebastian Vettel beteiligt.
Ich bin gespannt, was mich bei ZF noch alles erwartet.