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Die Gefahr ohne Augen sehen

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Tags: NullUnfälle, AutonomesFahren, Sicherheit

ZF entwickelt Fahrerassistenzsysteme, die dabei helfen sollen, Kollisionen beim Abbiegen von Lastwagen mit Radfahrern oder Fußgängern zu vermeiden. Damit sagt das Unternehmen dem toten Winkel den Kampf an, der Ursache Nummer eins bei diesen Unfällen ist.
Martin Westerhoff, 13. September 2018
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Martin Westerhoff studierte Technikjournalismus und schreibt seitdem über Fahrzeuge und Technologien. Er hat ein Faible für Motorsport und Rennwagen.
Die schrecklichen Unfälle laufen fast immer gleich ab: Ein Lastwagenfahrer übersieht einen Radler, der sich im toten Winkel neben dem Fahrzeug befindet und biegt ab. Der Radfahrer stößt erst mit der Zugmaschine zusammen, dann mit der Fahrbahn – und danach überrollt ihn im schlimmsten Fall der schwere Lkw. Ob sich juristisch eine Schuldfrage stellt, hilft den Betroffenen dann oft nicht mehr. Allein in Deutschland zählte das Statistische Bundesamt 76 Todesfälle für das Jahr 2017 und fast 3.000 Verletzte.

Tote Winkel bei Lkw sind eine große Gefahr

Insgesamt sechs Spiegel muss ein Lkw-Fahrer der Reihe nach vor dem Abbiegen durchsehen. Und dennoch kann in Sekundenbruchteilen eine Person darin auftauchen, die zuvor nicht zu sehen war. „Tote Winkel von Lkw sind ein wesentlicher Faktor bei tödlichen Kollisionen mit Radfahrern und Fußgängern“, stellt die Expertengruppe „Transport for London“ fest. Deshalb hat Sadiq Kha, Bürgermeister der britischen Hauptstadt, die weltweit erste konkrete Gesetzgebung auf den Weg gebracht, um Kollisionen dieser Art künftig zu vermeiden. Die Folge: Wiegt ein Lkw mehr als zwölf Tonnen, darf er ab dem 26. Oktober 2020 nicht mehr in die Stadt. Außer, der Fahrer kann ein Sicherheitszertifikat vorweisen. Darin fest verankert ist der Direct Vision Standard (DVS). Er bewertet, wie gut die direkte Sicht aus der Kabine zur Seite beim Abbiegen ist.

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Spiegel
muss der Fahrer eines konventionellen Lkw beim Abbiegen im Blick behalten.

Damit reagiert London auf eine alarmierende Statistik: Im Jahr 2016 ereigneten sich dort 23 Prozent der tödlichen Unfälle von Fußgängern und 50 Prozent jener von Radfahrern als Zusammenstoß mit einem schweren Lkw – und dass, obwohl Lastwagen über zwölf Tonnen lediglich vier Prozent der vom Londoner Gesamtverkehr zurückgelegten Distanz zuzuschreiben sind. Dabei könnten Assistenzsysteme Lastwagen deutlich sicherer machen. Das von Kha initiierte Sicherheitszertifikat soll deshalb auch solchen Lkw gewährt werden, die mit Kamera- oder Sensorsystemen ausgerüstet sind – und den Fahrer vor dem Abbiegen beispielsweise akustisch warnen, wenn sich ein Verkehrsteilnehmer auf der Seite befindet.

ZF entwickelt fortschrittliche Assistenzsysteme

ZF entwickelt fortschrittliche Assistenzsysteme

Solche technischen Lösungen bietet ZF an. In naher Zukunft wird das Unternehmen einen Abbiegeassistenten im Portfolio haben. „Unser System basiert auf zwei Radarsensoren, die an der rechten unteren Seite eines Lkw angebracht sind. Diese Anordnung sorgt für eine optimale Rundumerfassung des möglichen Kollisionsbereichs, auch bei unübersichtlichen Situationen oder schlechter Sicht“, erklärt Martin Mayer, der bei ZF den weltweiten Vertrieb von Fahrassistenzsystemen für Nutzfahrzeuge verantwortet. Der Abbiegeassistent unterstützt den Fahrer vor allem dann, wenn sich Objekte dem Gefahrenbereich des Lkw nähern oder sich zuvor stehende Verkehrsteilnehmer plötzlich bewegen. Denn gerade bei Abbiegeunfällen mit Radfahrern ist genau das häufig der Fall. Das System warnt in solchen Situationen je nach Bedarf visuell, akustisch oder haptisch.

Mit dem Know-how und der Technologie, die Fahrzeuge sehen, denken und handeln lässt, geht ZF sogar noch weiter. „Um Kollisionen beim Ab- oder Einbiegen noch effektiver zu verhindern, entwickeln wir den Abbiegeassistenten darüber hinaus zu einem aktiven System weiter“, beschreibt Mayer. Der Side Vision Assist warnt den Fahrer nicht nur, sondern kann bei Bedarf auch eingreifen – etwa mit einer Notbremsung oder einem Ausweichmanöver. Neben den Radarsensoren verfügt das System über Kameras und überblickt damit das komplette Geschehen rund um den Lastwagen. Das ist ein entscheidender Vorteil für den Fahrer, der die Informationen erhält, übersichtlich auf einem Display zusammengefasst.
„Tote Winkel von Lkw sind ein wesentlicher Faktor bei tödlichen Kollisionen mit Radfahrern und Fußgängern.“
— Expertengruppe „Transport for London“

ZF Side Vision Assist als Schritt zum autonomen Lkw

ZF Side Vision Assist als Schritt zum autonomen Lkw

Damit kann das aktive System von ZF zu deutlich mehr Sicherheit für Radfahrer und Fußgänger beitragen. Der Side Vision Assist ist darüber hinaus eine wichtige Voraussetzung für autonom fahrende Lastwagen. Denn dank des offenen Systemansatzes von ZF lässt sich die Steuereinheit direkt mit der Aktuatorik des Lastwagens vernetzen. Beachtet der Fahrer eine Warnung nicht, kann das System sein Fahrzeug eigenständig abbremsen, vollständig stoppen oder um ein Hindernis herum steuern. Mit dem Side Vision Assist geht ZF einen weiteren Schritt auf dem Weg zur „Vision Zero“ – einer Mobilität ohne Unfälle und ohne Emissionen.

In Kürze Wenn Lastwagen beim Abbiegen mit Radfahrern oder Fußgänger zusammenstoßen, liegt die Ursache oftmals im toten Winkel – jenem Bereich, den die Spiegel an der Fahrerkabine nicht erfassen. Um künftig solche schweren Unfälle zu vermeiden, will London als erste Stadt ab dem Jahr 2020 ein Einfahrverbot für Lkw über zwölf Tonnen mit schlechter Sicht zur Seite erlassen. Einen Ausweg bieten Fahrassistenzsysteme, die mithilfe von Sensoren oder Kameras Objekte erkennen und den Fahrer beim Abbiegen warnen. ZF wird in naher Zukunft nicht nur einen Abbiegeassistenten im Portfolio haben, sondern geht sogar noch einen Schritt weiter: Der Side Vision Assist kann dank künstlicher Intelligenz andere Verkehrsteilnehmer beim Abbiegen erkennen und wenn nötig ins Fahrgeschehen eingreifen.