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Mit Orchestrierung definiert ZF Flottenmanagement neu

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Interview mit Hjalmar Van Raemdonck, Leiter Digital Systems Solutions & Geschäftsführer von Transics.
Andreas Neemann,
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Andreas Neemann hat seinen ersten ZF-Magazintext im Jahr 2001 zum 6HP-Automatgetriebe geschrieben. Seither begleitet der Automotive-Autor mit Faible für komplexe Themen den Konzern in vielen Publikationen für interne wie externe Leser.
Seit der Übernahme von WABCO ist ZF zu einem der wichtigsten Anbieter von Flottenmanagementsystemen geworden. Hjalmar Van Raemdonck, Leiter Digital Systems Solutions & Geschäftsführer von Transics, erklärt, welche Faktoren in Zukunft über den Erfolg entscheiden.

Als Flottenmanagementsystem von WABCO – heute ZF – ist Transics seit nunmehr 30 Jahren auf dem Markt. Wo stehen Sie heute mit dem Service und was kommt als nächstes?
Mit unserer Transics-Lösung sind wir derzeit einer der größten unabhängigen Anbieter für Flottenmanagementlösungen in Europa. Bei den Premium-Flotten hier sind wir führend. Auf dem Markt haben wir uns bei unseren Kunden und Partnern als innovativer Player bewährt. Außerdem sind wir nach der Übernahme der Technologie von Bestmile im letzten Herbst ideal für die Zukunft aufgestellt. Wir können das Potenzial digitaler Lösungen für unsere Kunden bestmöglich ausschöpfen – in der Frachtlogistik ebenso wie bei der Personenbeförderung, heute und in Zukunft. Unser Ziel ist es, Konnektivität auf ein neues Level zu bringen. So können wir bessere Dienstleistungen anbieten und gestalten Personenbeförderung und Frachtlogistik effizienter. Wir sehen, dass Flotten künftig immer vielseitiger in ihren Anwendungen werden. Um diese Herausforderung zu meistern, sind Flottenbetreiber auf innovative Lösungen angewiesen.
Hjalmar van Raemdonck

Wie wollen Sie das erreichen?
ZF setzt fest auf digitale Lösungen. Aber wir glauben auch an Differenzierung. Deshalb heißt unser Ansatz hier Orchestrierung. Denn erstens geht es heute nicht „nur“ darum, Daten zu sammeln – als einer der größten Tier-1-Lieferanten haben wir bereits Zugriff auf viele einzigartige Fahrzeugdaten. Es geht darum, was man damit macht. Es geht darum, diese Daten so zu organisieren, dass daraus Erkenntnisse abgeleitet werden können, sei es zur besseren Routenplanung oder zur effizienteren Disposition. Aus diesem Grund müssen wir – zweitens – auch unseren Plattformansatz ändern: Wir brauchen Software, die mit künstlicher Intelligenz arbeitet. Aus Daten wertvolle Erkenntnisse zu machen, das muss möglichst automatisiert und in Echtzeit erfolgen. Wir müssen also drittens maschinelles Lernen und KI ganzheitlich kombinieren, um ein System zu schaffen, das gemischte Flotten und reale Komplexitäten in Sekundenschnelle managen kann. Sowohl unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten als auch, um bisher ungenutzte Potenziale besser auszuschöpfen, sind Flottenorchestrierungssysteme der nächste Schritt. Sie sind die Zukunft der Flottenmanagementsysteme.
"Unser Ziel ist es, Konnektivität auf ein neues Level zu bringen. So können wir bessere Dienstleistungen anbieten und Personenbeförderung und Frachtlogistik effizienter gestalten."
Hjalmar van Raemdonck

Welche Probleme genau lassen sich mithilfe von Orchestrierung und künstlicher Intelligenz lösen?
Im Frachtbereich etwa gibt es noch viel zu viele Leerfahrten – die Quote liegt bei rund 25 Prozent. Die Auslastung ist also noch lange nicht optimal. Und es wird noch komplizierter: Stellen Sie sich vor, wir haben eine gemischte Flotte zu koordinieren, die aus elektrisch angetriebenen Lkw, autonomen Transportern und traditionellen fahrergeführten Lkw besteht. Und bei der Personenbeförderung ist die Situation ganz ähnlich. Auch hier gibt es noch große Effizienzpotenziale, vor allem in Städten. So könnten autonome Verkehrssysteme Passagiere flexibel von A nach B bringen – rund um die Uhr und je nach Bedarf. Und wieder: Stellen Sie sich hier eine gemischte Flotte aus Elektrofahrzeugen, Robotaxis und klassischen fahrergeführten Autos vor. Um solche gemischten Flotten perfekt zu koordinieren, benötigen Sie ein System, das komplexe Ressourcen und komplexe Situationen bewältigen kann. Es geht darum, die richtige Fahrt an den richtigen Fahrer im richtigen Fahrzeug zu vergeben, die richtige Ladung zu transportieren oder die richtigen Personen genau zur richtigen Zeit zu befördern. Und das nicht nur für einen Fahrer, ein Fahrzeug, einen Passagier oder eine Fracht, sondern für Tausende.

Eine solche Orchestrierung erfordert jedoch komplett andere Technologien im Backend als bisherige Flottenmanagementsysteme...
Genau. Um die eben geschilderte Orchestrierung anbieten zu können, mussten wir unseren Plattformansatz komplett überdenken. Wir haben von Grund auf eine völlig neue Plattform aufgebaut – modular, basierend auf Microservices und hyperskalierbar. Diese Plattform, die wir Fleet Orchestration Platform nennen, ist dynamisch und mit maschinellem Lernen und KI ausgestattet. Wie schon erwähnt haben wir letztes Jahr die Technologie von Bestmile übernommen. Mit deren erstklassigen Optimierungsalgorithmen und leistungsstarken digitalen Diensten, wie den Planungs-, Routing- und Prognosefunktionen für autonome Fahrzeuge, ergänzen wir unsere Plattform. Mit diesen Technologien überbrücken wir die Silos, die digitalen Medienbrüche, die aktuell noch bestehen.

Was genau meinen Sie damit?
Schauen wir uns als Beispiel die Frachtlogistik an: Die digitale Transformation der Branche hat begonnen, aber wir arbeiten immer noch in sogenannten Silos, getrennt durch Medienbrüche. Frachtführer, Logistikdienstleister, Transportanbieter im Fernverkehr, Verteilerzentren, Transportanbieter auf der Kurzstrecke – sie alle haben ihre digitalen Einzellösungen. Insbesondere der Endkunde erwartet aber eine ganzheitliche Lösung über die gesamte Lieferkette hinweg – er will jederzeit wissen, wo seine Ladung gerade steckt.

Was ist der Grund für dieses „Silo-Denken“, und wie wollen Sie das ändern?
Die Datenarchitektur kommt hier an ihre Grenzen. Wir brauchen unseren neuen Plattformansatz, um alle Dienstleistungen eines Logistik- oder ÖPNV-Ökosystems besser zu integrieren und einen Punkt zu schaffen, an dem die Big-Data-Analyse ansetzen kann. Unser Ziel für die Weiterentwicklung ist daher eine digital vernetzte Lieferkette. Das sehen wir ganz klar, wenn wir uns etwa die Zukunft der Personenbeförderung anschauen. Hier wird es künftig Mobility-as-a-Service-Lösungen auf der Basis autonomer Verkehrssysteme geben, wie sie auch ZF anbietet. Mit unserer Technologie wollen wir die Grenzen zwischen Embedded Software und Applikationssoftware, überwinden. Um ein Beispiel zu nennen: Wir arbeiten aktuell an einem Projekt, das die Sensor-Daten von Fahrerassistenzsystemen nutzen kann, um fortgeschrittene Sicherheits-Dashboards für unsere Flottenkunden zu erstellen.

Wie wirkt sich die Dekarbonisierung auf die Branche aus?
Die Auswirkungen sind riesig. Kunden und Regierungen setzen Spediteure unter Druck, ihren CO2-Fußabdruck zu reduzieren. Gleichzeitig sorgt aber der Onlinehandel weiterhin für eine sprunghaft steigende Nachfrage der Transportindustrie. Lkw machen 2 Prozent der Fahrzeuge auf der Straße aus, erzeugen aber 22 Prozent der Treibhausgasemissionen aller Fahrzeuge. Und der Druck kommt ja nicht nur von den Gesetzgebern: Viele große Flottenbetreiber – vor allem die Logistikbereiche großer Verbrauchermarken – verpflichten sich derzeit zu einer massiven Reduzierung ihrer Umweltauswirkungen. Auch bei der Personenbeförderung in Großstädten verlassen sich die Betreiber mittlerweile auf lokal emissionsfreie elektrische Antriebe.

Wie kann Orchestrierung die Emissionsreduzierung unterstützen?
Der Einsatz von Digitalisierung verspricht generell mehr Effizienz, was auch weniger Emissionen bedeutet. Unser Orchestrierungstool ermöglicht Dienstleistungen, die direkt zur Emissionseinsparung beitragen. Eine bessere Orchestrierung reduziert auch die Emissionen selbst, da Flotten dank optimiertem Routing, besserer Planung und Terminierung insgesamt weniger fahren müssen. Eine Studie, die wir für die Stadt Chicago durchgeführt haben, ergab, dass wir hier allein durch Orchestrierung 30 Prozent der CO2-Emissionen reduzieren konnten.

Ist Dekarbonisierung auch ein persönliches Thema für Sie?
Ja, absolut. Privat habe ich schon die World Solar Challenge in Australien gewonnen, damals mit dem Modell „Nuna4“. Bei diesem Wettbewerb erkennen Sie schnell, wie viele Faktoren für den Erfolg zusammenkommen müssen: Aerodynamik etwa spielt eine wichtige Rolle, aber noch mehr Einfluss hat der Optimierungsalgorithmus, der bestimmt, wann und wie viel Solarenergie Sie jeweils nutzen müssen. Wenn ich mich daran erinnere, ist das fast schon wie eine Orchestrierung – nur eben für ein einzelnes Fahrzeug. Basierend auf diesen Erfahrungen stehe ich voll hinter der Vision Zero von ZF (für null Emissionen und null Unfälle). Unsere neue Orchestrierungsplattform bringt uns dieser Vision einen Schritt näher.