Interview Interview

Clever vernetzt in die Zukunft 

Interview mit CIO Dr. Jürgen Sturm

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Viele Herausforderungen in der Automobilindustrie lassen sich nur noch gemeinsam meistern. Mit Catena-X haben OEM, Zulieferer und Softwarehäuser eine Initiative gegründet, um vorhandene Daten für alle Beteiligten in der Lieferkette effektiver zu nutz
Susanne Szarowski,
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Susanne Szarowski ist seit zwölf Jahren in der Konzernkommunikation bei ZF. Als Mitglied des Redaktionsteams verantwortet sie die Themen Digitalisierung und Software.

Herr Dr. Sturm, ZF gehört zu den Gründungsmitgliedern der Initiative Catena-X. Was ist deren Zweck?
Bei Catena-X geht es um die Vernetzung mit Partnern entlang der gesamten Lieferketten innerhalb der Automobilindustrie. Ziel ist es zum einen, Effizienz und Effektivität in den bestehenden Prozessketten zu steigern. Zum anderen wollen wir uns so auf Anforderungen einstellen, für die es heute noch keine Lösungen gibt: etwa beim Carbon-Footprint. Hier helfen Berechnungen einzelner Firmen nicht weiter; der Nachweis muss von allen Lieferanten nach einer einheitlichen Systematik erfolgen.
"Wir müssen wissen, welchen CO2-Fußabdruck ein neuer Pkw hinterlassen hat, bevor er überhaupt einen Kilometer gefahren ist.."

Zulieferer wie ZF kommen also gar nicht um Catena-X herum?  
Richtig. Die Automobilbranche ist hochgradig vernetzt und arbeitsteilig. Die komplexen Lieferketten zu steuern, ist eine große Herausforderung. Der Datenaustausch über Unternehmensgrenzen hinweg war schon immer wichtig in unserer Branche. Bei Catena-X entwickeln wir nun gemeinsam sichere neue Standards und Datenaustausch-Mechanismen.

Bitte etwas konkreter.
Die Harmonisierung der Geschäftspartneradressen ist ein gutes Beispiel. Jedes Unternehmen pflegt diese Stammdaten. Tun wir das alle gemeinsam, sinkt der Aufwand erheblich und die Daten sind immer aktuell. Damit die Lösung den Anforderungen von Datenschutz, Datensicherheit und Vertraulichkeit genügt, müssen technische und organisatorische Voraussetzungen erfüllt sein.

Welche sind das?
Die Daten werden im Netz von Catena-X nicht zentral gesammelt, sondern sie bleiben bei dem jeweiligen Unternehmen, dem sie gehören. Über sogenannte Daten-Konnektoren werden die Daten nur für den jeweiligen Anwendungsfall miteinander verschaltet. Das gelingt mit einer Technologie, die wir Eclipse Dataspace Connector nennen. Der Data Connector hat eine Kontroll- und eine Datenebene. Auf Kontrollebene werden die entsprechenden Berechtigungen ausgehandelt, auf der Datenebene fließen dann die erforderlichen Daten an die Quellen – und nur dorthin.

Catena-X basiert auf den Prinzipien der europäischen Cloud-Infrastruktur Gaia-X. Verträgt sich das mit der Partnerschaft von ZF und US-Hyperscaler Microsoft?
Auch Cloud-Anbieter wie Microsoft sind Partner von Gaia-X und unterstützen die Gaia-X Kriterien nach europäischem Datenschutzrecht. Gaia-X und Catena-X sind keineswegs auf europäische Unternehmen beschränkt. Es gibt auch Interessen von japanischen oder nordamerikanischen OEMs wie Ford, die heute schon Mitglied sind, denn global agierende Unternehmen müssen in den jeweiligen Wirtschaftsräumen anschlussfähig sein und sich den dortigen Vorgaben anpassen. Das gilt natürlich auch umgekehrt.

Die Umsetzung des europäischen Cloud-Infrastrukturprojekts Gaia-X soll eher schleppend verlaufen. Wie wirkt sich das auf die zehn Anwendungsfelder von Catena-X aus?
Alle Use Cases von Catena-X sind im Zeitplan. Wir haben im Mai 2021 die Initiative gemeinsam mit 50 Unternehmen gegründet. Inzwischen sind wir über 100 Partner angewachsen. Aktuell arbeiten bei Catena-X rund 850 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unterschiedlicher Unternehmen in einem agilen Software-Entwicklungsumfeld an unternehmensübergreifenden Anwendungen, darunter auch 70 Beschäftigte von ZF.
Welche der zehn Anwendungsfelder von Catena-X sind für ZF besonders interessant?
Wir konzentrieren uns derzeit zum einen stark auf Verbesserungen beim Geschäftspartnerdaten Management, auch "Business Partner and Master Data Management" genannt. Zum anderen konzentrieren wir uns darauf, zuverlässigere Daten aus der Lieferkette zu erhalten. Dies betrifft etwa den CO2-Fußabdruck, Anforderungen der Kreislaufwirtschaft oder wie sich die Lieferkettensorgfaltspflicht umsetzen lässt. ZF ist darüber hinaus aber an fünf weiteren Anwendungsfeldern beteiligt.

Was steht derzeit an bei Catena-X?
Wir wollen in diesem Jahr erste Lösungen für den Markt verfügbar machen und über Betreibergesellschaften zur industriellen Reife bringen. Zudem wollen wir mit weiteren Teilnehmern im Netzwerk wachsen und auch Wertschöpfungspartner aus anderen Regionen einbinden. Schließlich erfolgen beispielsweise bei der Kreislaufwirtschaft sowohl der Abbau als auch die Weiterverarbeitung der Rohstoffe für die E-Mobilität größtenteils außerhalb Europas.

Kann die gemeinsame Automotive-Cloud von Catena-X künftig Probleme wie den Chipmangel abschwächen?
Auch mit Catena-X gibt es nicht mehr verfügbare Chips auf dem Weltmarkt. Jedoch ließe sich die Steuerungsfähigkeit und Transparenz in der Lieferkette deutlich verbessern. Störungen und deren Auswirkungen lassen sich dann leichter eingrenzen und nachverfolgen. Das hilft uns dabei, in Krisenzeiten die Kontrolle zu behalten.