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Die Mobilität von morgen wird zunehmend digital. Unternehmen, die diese Zukunft prägen, müssen daher digitale Vordenker sein. Wie füllt ZF diese Rolle aus? Ein Gespräch mit ZF-Chief Digital Officer (CDO) Dr. René Deist.
Andreas Neemann,
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Andreas Neemann hat seinen ersten ZF-Magazintext im Jahr 2001 zum 6HP-Automatgetriebe geschrieben. Seither begleitet der Automotive-Autor mit Faible für komplexe Themen den Konzern in vielen Publikationen für interne wie externe Leser.

Digitalisierung ist ein Megatrend, auch in der Automobilindustrie. Was verspricht sich ein Konzern wie ZF von seiner Digitalisierungsoffensive?

Digitalisierung ist ein Megatrend, auch in der Automobilindustrie. Was verspricht sich ein Konzern wie ZF von seiner Digitalisierungsoffensive?

Deist: Digitalisierung ist für uns kein Selbstzweck, sondern ein Schlüssel zu den strategischen Zielen, die wir uns als Unternehmen gesetzt haben. Wir wollen die „Next Generation Mobility“ möglich machen. Was bedeutet das konkret? Menschen erwarten eine zukunftsfähige Mobilität, die elektrisch, intelligent, vernetzt, nachhaltig, sicher sowie autonom ist und dabei auch noch bezahlbar. Und um all das zu leisten und die entsprechenden Technologien weltweit anbieten zu können, müssen wir zu einer „Digital Company“ werden. Wir benötigen digitale Tools, digitale Prozesse, digitale Arbeitsweisen.

Wo steht ZF auf diesem Weg?

Wo steht ZF auf diesem Weg?

Deist: Für ein vormals klassisches Industrieunternehmen ist das ein enormer Transformationsprozess, der sich noch dazu mit der aktuellen Umstellung auf die Elektromobilität verknüpft. Ich sehe uns da in einer sehr guten Position. Ich sage immer, die Digitalisierung fordert von jedem Einzelnen bei uns eine Veränderungsbereitschaft. Das ist, als würde man mit dem Rauchen aufhören oder seine Ernährung umstellen: Die Einstellung muss sich ändern. Und genau hier, beim vielzitierten „Mindset“ und bei der Geschwindigkeit, haben wir in den vergangenen Jahren stark zugelegt. Daher würde ich zusammenfassen: In einigen Einzelaspekten sind wir im Branchenvergleich schon heute top, bei anderen Themen gibt es mehr Nachholbedarf.
Chief Digital Officer Dr. René Deist

Welche Bereiche haben Sie konkret im Blick bei der Digitalisierung?

Welche Bereiche haben Sie konkret im Blick bei der Digitalisierung?

Deist: Drei wesentliche Einsatzfelder gibt es für uns: erstens die Produktion, zweitens unsere gesamte Prozesswelt – vom Einkauf über den gesamten Wert- & Warenfluss bis hin zum Back Office – und drittens unsere Produkte inklusive Technologie-Entwicklung. In allen drei Bereichen haben wir wichtige Etappen auf dem Weg zu einer konzernweit einheitlichen Digitalisierung durchlaufen.

ZF nutzt Digitalisierung für die Produktion, Produkte und die Geschäftsprozesse; in der ZF Cloud finden alle Daten zusammen.

Können Sie die benennen?

Können Sie die benennen?

Deist: Schauen wir auf die Produktion: Mit der Digital Manufacturing Platform bringen wir alle Daten, die in unseren Werken entstehen, in unsere ZF-Cloud. Dort können wir sie im Hintergrund mit Hilfe von KI-Tools auswerten. Wir nutzen so die Potenziale, die uns durch Condition Monitoring und Predictive Maintenance zur Verfügung stehen, also eine gezielte Überwachung und vorsorgliche Wartung von Maschinen. Weil dadurch auch ungeplante Ausfallzeiten minimiert werden, ergibt sich ein großes Einsparpotenzial.

Geht es also vor allem um Einsparungen?

Geht es also vor allem um Einsparungen?

Deist: Nicht nur. Aber wenn wir wollen, dass die zukunftsfähige Mobilität für alle erschwinglich ist, müssen wir die Kosten stets im Blick halten. Es geht jedoch um mehr: Unser Know-how zur Industrialisierung ist inzwischen ein wichtiger Wettbewerbsfaktor. In einer Zeit angespannter Lieferketten und volatiler Nachfrage-Entwicklung ist es wichtig, unsere Produktion schnell skalieren zu können. Und auch das erleichtern wir mit der Verfügbarkeit der Daten in der Cloud.

Haben sie weitere Beispiele?

Haben sie weitere Beispiele?

Deist: Zunächst ein Wort zur Prozesswelt: Wir haben in den vergangenen acht Jahren zwei große Unternehmen hinzugekauft und in den Konzern integriert. Aber diese Integration war bislang bei den Prozessen noch nicht durchgängig vollzogen. Das haben wir nun nachgeholt mit neuen, modernen Geschäftsprozessen, die in einem ERP-System implementiert wurden und nun weltweit ausgerollt werden. Eine solche Standardisierung von Prozessen ist auch die Basis für deren Automatisierung – und hier liegt ebenfalls ein enormes Potenzial, wenn man auf den Einsatz von Ressourcen und letztlich die Kosten schaut.
Und schließlich haben wir auch auf der Seite der Produktentwicklung wichtige Veränderungen angestoßen: Digitale Tools erleichtern agile Entwicklungsprozesse. Wir können unser Know-how heute viel besser als noch vor Jahren divisionsübergreifend einbringen. Wenn Fahrzeuge künftig stärker durch Software definiert sind, haben auch wir einen Anteil daran. Unser Anspruch ist es, Entwicklungspartner der Hersteller zu bleiben, uns aber auch als Anbieter neuer digitaler Produkte und Services zu positionieren, die die Endkunden überzeugen.
"Die Digitalisierung fordert von jedem Einzelnen von uns eine Veränderungs- bereitschaft."
Dr. René Deist, Chief Digital Officer ZF

In welchem Bereich ist ZF digitaler Champion?

In welchem Bereich ist ZF digitaler Champion?

Deist: Wir sind branchenweit am konsequentesten, wenn es darum geht, Daten in nur einer Cloud zusammenzuführen. Mit unserem Partner Microsoft haben wir eine konzernweite ZF-Cloud aufgebaut, die für die unterschiedlichsten Funktionen genutzt werden kann, ob es um DevOps-Tools für die Software-Programmierung geht oder wie geschildert um die Speicherung von weltweiten Produktionsdaten.

Wie organisieren Sie den Transformationsprozess – und wie viele Mitarbeiter sind überhaupt betroffen?

Wie organisieren Sie den Transformationsprozess – und wie viele Mitarbeiter sind überhaupt betroffen?

Deist: „Betroffen“ ist ein merkwürdig passives Wort. Wir wollen unsere Kollegen von der Digitalisierung überzeugen, weil es eine gute Entwicklung ist. Dabei lohnt es sich, aktiv mitzuwirken. Das gelingt uns, weil wir die Digitalisierung mit einer der größten konzernweiten Weiterbildungsinitiativen flankieren, die es in der ZF-Geschichte gegeben hat. Unsere Akademie, die ihrerseits aus digitalen Lernplattformen besteht, macht das denkbar einfach. Vom Management bis zu Belegschaft in den Werken kann hier jede und jeder seine digitalen Fähigkeiten checken und bekommt bedarfsgerecht Angebote, die individuell notwendigen digitalen Skills auszubauen und zu erweitern.