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Mobilität von morgen - auch auf dem Land

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In Diskussionen über den Verkehr der Zukunft fällt meist der Begriff „Metropole“. Doch was passiert in kleineren Städten und ländlichen Regionen?
Kathrin Wildemann, 13. Dezember 2017
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Kathrin Wildemann gehört seit 2016 zum festen Autorenteam bei ZF. In On- ebenso wie in Offline-Beiträgen beschäftigt sie sich bevorzugt mit Elektromobilität und anderen Nachhaltigkeitsthemen.
Tom Kirschbaum, Gründer und Chef des Mobilitäts-Startups door2door, über sich wandelnde Anforderungen, autonomes Fahren und die Erfolgsfaktoren von Verkehrskonzepten.

Was zeichnet ein erfolgreiches Konzept für smarte Mobilität aus?

So, wie der Individualverkehr heute funktioniert, ist das unglaublich ineffizient. Es ist entscheidend, den Verkehr besser zu organisieren – insbesondere durch Bündeln von Fahrten, Stichwort Ride Sharing. Ich betrachte es als sehr wichtig, dass neue Konzepte die klassische Verkehrsinfrastruktur nicht kannibalisieren. Es geht vielmehr darum, sie um digitale Angebote zu ergänzen und so optimal nutzbar zu machen.

Was passiert, wenn gegen diesen Grundsatz verstoßen wird?

In dem Fall leidet letztlich die Stadt. Die Beliebtheit von Unternehmen wie Uber oder Lyft hat in New York dazu geführt, dass dort nun noch mehr Pkw auf den Straßen sind. Auch ist Mobilität ein sehr regionales Produkt. Jede Stadt hat ihre eigene Topographie, ihre eigene Kultur und unterschiedliche wirtschaftliche Rahmenbedingungen. Diese lokalen Faktoren sind zu berücksichtigen. Das macht die Entwicklung von neuen Technologien zwar sehr anspruchsvoll, doch werden starre Einheitslösungen nicht funktionieren.

Was sind für Sie derzeit die wichtigsten Entwicklungen in der Mobilität?

Auf der Produktseite haben wir die drei Megatrends elektrische Antriebe, die Vernetzung und autonomes Fahren. Die Vernetzung der Fahrzeuge untereinander oder mit Plattformen verändert stark die Koordination von Flotten. Das autonome Fahren ist zwar jene Entwicklung der genannten drei, die noch am weitesten weg ist, jedoch den massivsten Einfluss haben wird.
Sobald Autos autonom fahren, gibt es keinen Grund mehr, einen eigenen Pkw zu besitzen.
— Tom Kirschbaum, Gründer von door2door

Das sind bislang nur technische Aspekte.

Richtig, doch auch das Nutzerverhalten wandelt sich: Mobilität wird mehr und mehr zur Commodity. Hier spielt das Thema „Sharing“ eine überragende Rolle. Die Menschen werden kein Auto mehr besitzen wollen, sondern das nutzen, was sie gerade brauchen. Aus diesen beiden Richtungen entstehen innovative Mobilitätssysteme, die sich sehr agil nach dem Bedarf der Menschen richten.

Bedeutet dies, dass es bald keine Privat-Pkw mehr geben wird?

Mittelfristig halte ich das für vorstellbar. In Städten mit vernetzten On-Demand-Lösungen wird es keinen Grund mehr geben, mit dem eigenen Auto zu fahren. Im ländlichen Raum wird es etwas länger dauern. Hier fallen die Personalkosten für Fahrer mehr ins Gewicht. Daher lässt sich hier der Individualverkehr erst in einem Szenario mit autonomen Fahrzeugen komplett ersetzen.

Welche weiteren Besonderheiten weist der ländliche Raum auf im Vergleich zur Stadt?

In der Stadt ist das eigene Auto oft eine reine Frage des Komforts. Ländliche Regionen sind dagegen oft so stark zersiedelt, dass es schlicht keine Alternative zum eigenen Auto gibt. Der Nahverkehr ist fragmentiert, Netz und Fahrplan sind unterentwickelt. Der Bus hält vielleicht nur an einer Haltestelle im Dorf – da muss eine ältere Dame erst einmal hinkommen.
Im Interview mit Tom Kirschbaum, Gründer von door2door.

Wie lässt sich dies künftig ändern?

Auch auf dem Land lassen sich On-Demand-Lösungen einsetzen. Dazu ist lediglich vorher zu analysieren, welche Strecken tatsächlich für große Busse rentabel sind und wo sich die Mittel effizienter für Lösungen wie Ride-Sharing-Vans einsetzen lassen. Das Ziel ist hier im ersten Schritt nicht, das eigene Auto abzuschaffen, aber doch den Zweitwagen überflüssig zu machen.

Bei Ihren bisherigen Pilotprojekten kooperieren Sie mit kleinen bis mittelgroßen Städten. Eignen sich diese sogar besser für neue Mobilitätskonzepte als Metropolen?

Eine Lösung könnte das Angebot von Zubringerdiensten sein: Man holt den Passagier zu Hause ab und bringt ihn beispielsweise zur nächsten S-Bahn-Station. Ein derartiges intermodales Verkehrskonzept vergrößert quasi das Einzugsgebiet des Nahverkehrssystems. Das ist gerade für Berufspendler interessant.

Wann werden wir die ersten autonomen Fahrzeuge im Straßenverkehr sehen?

Das dauert sicher nicht mehr allzu lange! Ich glaube, vom Jahr 2021 an könnte es erste Städte geben, in denen in größerem Maßstab autonome Fahrzeuge unterwegs sind. In etwa zehn Jahren wird das im Innenstadtbereich gang und gäbe sein. Die Städte werden bestimmte Gebiete nur noch für autonome Fahrzeuge zulassen. Auf diese Weise umgehen sie die große Herausforderung, die sich aus einem gemischten Verkehr mit von Menschen gesteuerten und autonomen Autos resultiert.

Eine Welt ohne Privat-Pkw – das ist die Vision von door2door . Das Berliner Startup hat eine On-Demand-Mobilitätsplattform entwickelt, die den vorhandenen Nahverkehr bedarfsgerecht um Ride-Sharing-Lösungen ergänzt. Zwei Pilotprojekte laufen seit Herbst 2017 in Duisburg und in der bayrischen 7000-Einwohner-Stadt Freyung. Das im Jahr 2012 gegründete Unternehmen hat mehr als 100 Mitarbeiter und betreibt eine zweite Niederlassung in Porto Alegre (Brasilien).