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Hinter den Kulissen: Einblick ins Dummy-Labor

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Tags: NullUnfälle, Sicherheit, Unternehmen
Sven Turza, 04. Februar 2020
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Sven Turza ist Teamleiter im Dummy-Labor bei ZF in Alfdorf.
Bei Insassenschutzsystemen wie Airbags und Gurten ist ZF führend, das ist weitgehend bekannt. Nicht ganz so geläufig ist, dass bei uns deshalb eigentlich permanent Crashversuche stattfinden – 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. ZF zählt zu den rund 100 Unternehmen weltweit, die regelmäßig mit Crashtest-Dummys (Anthropomorphic Test Devices, ATD) testen.

Überzeugende Testerfahrung

Überzeugende Testerfahrung

Verortet ist diese Kompetenz in der Division Passive Sicherheitstechnik in Alfdorf. Hier reicht die Safety-Tradition zurück bis in die 1970er. In dieser Zeit spielten die Führungskräfte und andere freiwillige Mitarbeiter teilweise selbst lebende Crashtest-Dummys. Das war zwar zugegeben eine eindrucksvolle Möglichkeit, Kunden von der Effektivität und Qualität der Sicherheitslösungen zu überzeugen, wird aber heute aus guten Gründen nicht mehr praktiziert.
Jedenfalls errichtete die ehemalige Repa GmbH (Feinstanz- und Repassierwerk), der deutsche Spezialist für Sicherheitsgurte und später auch Airbags, damals in Alfdorf ein neues, zweites Werk. Das Kapital dafür kam von einer 70-Prozent-Beteiligung des US-Konzerns TRW. Und dieser wurde 2015 von ZF übernommen.

7.000 Dummy-Crashs erhöhen die Sicherheit

7.000 Dummy-Crashs erhöhen die Sicherheit

Kommen wir zurück zu ZF-Crashversuchen, wie sie heute ablaufen. Vier Konzernstandorte mit jeweils unterschiedlich vielen Schlittenanlagen führen diese Tests durch: Detroit in den USA, Shanghai in China, Yokohama in Japan und eben Alfdorf in Deutschland. Die Ziele dabei? Die zahlreichen Lastfälle durchexerzieren, aus denen sich die (regionale) NCAP-Bewertung für den Insassenschutz ergibt. Und natürlich die Airbags und Gurte im Dienste der Verkehrssicherheit immer weiter zu verbessern; außerdem Innovationen zur Serienreife zu verhelfen. Für das alles sind bei uns insgesamt 120 ATD aktiv. Jeder von ihnen absolviert bis zu 70 Versuche pro Jahr, oder anders gesagt: Etwa 7.000 Mal im Jahr lässt es ZF in seinen Anlagen richtig krachen. Der älteste „berufstätige“ Crashtest-Dummy hat mit seinen 31 Lenzen bereits rund 2.200 Unfälle mitgemacht.
120 Dummys sind bei ZF im Einsatz.

ATD präparieren, kontrollieren, reparieren

ATD präparieren, kontrollieren, reparieren

Ohne das ZF-Dummy-Labor in Alfdorf wäre er längst invalid: Das Team hier hat – genauso wie die Kollegen an den anderen Standorten – die Aufgabe, die bis zu eine Million Euro teuren Messpuppen möglichst lange fit zu halten. Etwa nach jedem zehnten Test überprüft es die ATD auf ihre mechanische Funktionsfähigkeit. Das gleiche ist auch dann notwendig, wenn sich die Belastungen aus verschiedenen Versuchen auf einen bestimmten Grenzwert summiert haben. Die bis zu 200 Sensoren und noch mehr Messkanäle eines Dummys gilt es ebenfalls zu kontrollieren. Schließlich müssen sie während der Crashtests die Beschleunigungen und Krafteinwirkungen korrekt erfassen. Außerdem fungiert das Labor als eine Art Unfallchirurgie. Das Team ersetzt Körperteile der Puppen, wenn sie aufgrund (zu) hoher Belastungen zu Bruch gegangen sind. Es bereitet die ATD spezifisch für jeden Test vor, programmiert und instrumentiert die Sensorik.
Innenleben eines Dummys.

Sicherheit muss sitzen

Sicherheit muss sitzen

Wie ich selbst sind die meisten Laborexperten ausgebildete Elektrotechniker, denn der Job erfordert es, souverän mit Sensorik und Daten umzugehen. Was darüber hinaus an Qualifikation nötig ist, kommt durch Interesse und Erfahrung. Und mit Trainings, wie sie gerade für die neuesten, besonders menschenähnlichen (biofidelen) und komplexen THOR-Dummys nötig waren. Auch die Testanforderungen selbst verändern sich aktuell. Der Trend zum vollautomatisierten Fahren und zu Elektroautos mit ebenem Boden machen Autofahrern Hoffnung auf viele neue Sitzpositionen und -einstellungen. Doch jede einzelne davon muss in puncto Insassenbelastung und -schutz geprüft sein, bevor sie in einem Serienfahrzeug Realität wird. Diese Vielfalt wird sich nur noch mit virtuellen Crashsimulationen am Computer abdecken lassen. Die Zukunft brauchen die ATD in den ZF-Laboren trotzdem nicht zu fürchten: Die Datenbasis, auf der diese Simulationen aufbauen, können weiterhin nur reale Crashtests mit echten Dummys liefern.

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