Mehr Tempo durch Nähe

ZF-Vorstand Peter Lake über den Wandel bei Märkten und Kunden sowie über die Lokalisierungsstrategie des Konzerns.

Wie stellt sich aktuell der Automotive-Weltmarkt dar?

Im Moment ist die allgemeine Lage positiv. Abgesehen von weniger erfreulichen Sonderentwicklungen in den Märkten Brasilien und Russland sind Absatz und Nachfrage nach Automobiltechnik einigermaßen stabil. Für Technologiekonzerne wie ZF ist dies ein guter Zeitpunkt, nicht nur Wachstumschancen zu nutzen, sondern auch, um sich fit zu machen für die Herausforderungen der Zukunft.

Wie sehen diese im Falle von ZF aus?

Wir müssen stark investieren – und wir tun dies. Mit den Einnahmen aus dem Geschäft von heute finanzieren wir die Entwicklung von Zukunftstechnologien. (Es geht hier vor allem um attraktive zukunftsfähige Lösungen für die Mobilität von morgen.) Dazu zählen die Elektrifizierung des Antriebs ebenso wie die Entwicklung von fortschrittlichen Fahrerassistenzsystemen fürs automatisierte und später autonome Fahren …

… was jedoch nur einen Teil der Herausforderungen abbildet, oder?

Richtig. Dazu kommt, dass sich die Landschaft mit den Marktteilnehmern bereits stark verändert – sowohl was Entwicklungspartner betrifft als auch mögliche Kunden. Es bringen sich gerade neue und mächtige Player für wichtige Zukunftstechnologien in Position. Von den Software-Giganten im Silicon Valley ist ja oft die Rede. Wir haben aber auch in Spezialgebieten mächtige Zusammenschlüsse. Ich nenne hier beispielhaft Intel und MobilEye mit ihrer herausragenden Position bei der Interpretation von Bilddaten.

Wie verändert sich das Bild von Kunden und Märkten?

Zunächst einmal wird der Begriff „Kunde“ vielschichtiger, das deutet sich schon heute an. Kein Zweifel, wir werden auch künftig klassische Automotive-Kunden haben, doch kommen neue Abnehmer hinzu: etwa Mobilitätsdienstleister oder Startups. Zwar ordern sie aktuell erst in geringem Umfang, doch wird sich das ändern. Gleichzeitig haben Kunden in den Wachstumsregionen und Schwellenmärkten ganz individuelle Anforderungen.

Doch das ist noch nicht alles?

Es kommt dazu, dass Kunden unterschiedlich auf den technologischen Wandel reagieren. Einige bauen Inhouse-Kompetenzen auf, um Zukunftstechnologien möglichst selbst zu entwickeln. Andere zeigen sich umso aufgeschlossener für externe Systemlieferanten. Wir verfolgen die Linie, alle unsere Kundensegmente optimal zu bedienen – mit Komponenten oder mit kompletten Systemen bis hin zu schlüsselfertigen Lösungen fürs autonome Fahren.

Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, um in Wachstumsmärkten erfolgreich zu agieren?

Ich betrachte die Wachstumsmärkte differenziert: Hier ist Hightech ebenso attraktiv wie Best Cost. Vor allem in der Region Asien-Pazifik gibt es aktuell einen großen Hunger nach Hightech-Produkten. Um das Wachstumspotenzial auszuschöpfen, das die Märkte in Fernost bieten, müssen wir unsere Innovationen schneller in der Region anbieten.

Blicken wir auf den Milliardenmarkt China. Wie ist ZF dort aufgestellt.

Bei der Einführung neuer – und hier rein elektrischer – Antriebssysteme legt der chinesische Automobilmarkt ein beeindruckendes Tempo vor. Dabei spielen natürlich auch staatliche Vorgaben eine Rolle. Im Segment der elektrischen Mobilität ist China inzwischen ein Leitmarkt und längst kein Schwellenland mehr. Entsprechend groß sind die Wachstumsaussichten, die das Land für Automobilhersteller bietet. Nicht minder groß ist jedoch auch die Erwartungshaltung an uns Zulieferer.

Wobei das Land nicht nur bei der E-Mobilität reichlich Potenzial bietet.

Ja, auch bei Themen der aktiven und passiven Sicherheit gibt es einen riesigen Bedarf. Dazu genügt ein Blick auf die geänderte Regelung von China NCAP: Vom nächsten Jahr an bewertet sie Fahrzeuge mit verbessertem Fußgängerschutz, mit Notbremsassistent sowie mit Seitenaufprallschutz besser. Ohne diese Eigenschaften dürfte die Maximalbewertung mit fünf Sternen im China-NCAP-Test kaum noch zu erreichen sein. ZF hat hier beste Ausgangsvoraussetzungen für künftiges Geschäft. Ich nenne hier beispielhaft nur unsere Lösungen Electronic Stability Control (ESC) inklusive Bremsassistent sowie die Seitenaufprall-Airbags.

Wie gehen Sie vor, um diese Chancen in reales Geschäft umzumünzen?

Egal, ob in China oder anderswo auf der Welt, die Lösung liegt in der zunehmenden Lokalisierung. (Wir haben erkannt, dass wir unbedingt vor Ort sein müssen.) Deshalb werden wir auch Engineering-Dienstleistungen sowie Forschung und Entwicklung noch stärker lokal anbieten. Auf diese Weise können wir viele Produkte rasch für den jeweiligen Zielmarkt maßschneidern. Gleichzeitig erhalten wir so Impulse aus China schneller. Genau das erwarten die OEM von einem Partner wie uns, der mit ihnen gemeinsam Technologien zur Serienreife entwickelt.

Wie sieht die Lokalisierungsstrategie von ZF in China konkret aus?

Wir haben hier massiv in den Ausbau von F&E investiert. Vor wenigen Monaten haben wir das erweiterte Tech-Center in Schanghai eingeweiht. Darin werden bis zum Jahr 2022 zirka 600 zusätzliche Ingenieure arbeiten. Gemeinsam mit dem ebenfalls in der Nähe gelegenen Tech-Center für Sicherheitstechnologie in Anting verfügt ZF bald über einen Engineering-Footprint in China, der perfekt zu unserem schon sehr stark lokalisierten Produktionsverbund passt.

Damit zielen Sie vor allem aufs Geschäft mit chinesischen OEM?

Damit zielen wir auf Wachstum. Angesichts der Erfolge von chinesischen OEM in der Elektromobilität und auch in der SUV-Sparte zählen diese tatsächlich zu den sehr attraktiven Kunden. Mit unserer Technologie können wir sie bei ihren ehrgeizige Expansions- und Wachstumsplänen unterstützen.

Peter Lake

Der gebürtige Londoner ist seit Oktober 2015 Mitglied im Vorstand von ZF. Dort verantwortet er das Ressort Markt sowie die Regionen Asien-Pazifik und Südamerika. Nach diversen Stationen beim ehemals selbstständigen Zulieferer Lucas (später TRW) seit 1978, arbeitete er seit dem Jahr 2004 als Executive Vice President, Sales & Business Development bei TRW Automotive sowie als Executive Vice President, Sales and Business Development ZF TRW.

Weitere Artikel zu dem Thema