Digitalisierungsstrategie Gemeinsam stark

Bei ZF gestalten Chief Digital Officer Mamatha Chamarthi und der Leiter der Vorentwicklung Torsten Gollewski den digitalen Wandel aktiv. Zusammen bauen sie ein Partnernetzwerk auf.

Digitalisierung gilt in der Autoindustrie als Megatrend. Was bedeutet das für ZF?

Chamarthi: Die Digitalisierung wird eine lange und aufregende Reise. Die Transformation wird nicht nur unsere Produkte, Services und Technologien berühren, sondern auch unsere Kultur. Das gesamte Unter- nehmen muss sich an diesen Bestrebungen beteiligen.

Gollewski: Wir sehen mehr und mehr vernetzte Systeme, die weit über das Fahrzeug hinausgehen. Ein Beispiel: Weil im Internet getätigte Bestellungen sehr schnell ausgeliefert werden sollen, entsteht ein Markt für autonome Transportsysteme. Neue Mobilitätskonzepte setzen hingegen auf Roboter-Taxis. Wäre es nicht möglich, dass beide Fahrzeugtypen auf einheitlicher Technik basieren? Unsere klassischen Marktsegmente, hier Pkw, da Nutzfahrzeug, verschwimmen zunehmend.

In welchen Bereichen setzen sich digitale Angebote zuerst durch?

Chamarthi: Wir werden unser Geschäft in dreifacher Hinsicht wandeln: Wir werden es sichern und unsere Produkte und Prozesse intelligenter und besser machen. Wir werden es anreichern und unsere Produkte durch digitale Technologie mit neuen Features ausstatten, zum Beispiel mit einem Laufzeit-Service für Windkraftgetriebe, der vorausschauende Wartung ermöglicht. Und wir werden neue Produkte und Services anbieten, die durch die Digitalisierung möglich werden, wie unser X2Safe-Sicherheitsalgorithmus. Wir müssen die Digitalisierung nutzen, um alle Aspekte unseres Geschäfts zu erneuern.

Gollewski: Der Sicherheitsalgorithmus X2Safe zeigt, wie groß der Nutzen vernetzter Systeme im Straßenverkehr ist. Denn solche Systeme ermöglichen es uns, auch Verkehrsteilnehmer außerhalb des eigenen Autos zu schützen, Fußgänger und Radfahrer etwa. Entwickelt wurde der Algorithmus übrigens bei uns im Haus, in der ZF-Denkfabrik.

Chamarthi: Im letzten Jahr gab es in der Nähe meines Wohnortes einen schrecklichen Unfall mit mehr als 40 Fahrzeugen. Drei Menschen verloren ihr Leben. Ich bin überzeugt, dass solche Unfälle mit intelligenten, vernetzten Systemen verhindert werden können.

Was bedeutet „intelligent“ in diesem Kontext?

Gollewski: Wir reden tatsächlich immer häufiger von „künstlicher Intelligenz“. Mittlerweile ist die Forschung so weit vorangeschritten, dass KI-Systeme marktfähig werden.

Chamarthi: Wir werden in unserem Alltag bald von digitalen Assistenten wie Siri oder Alexa umgeben sein. Mithilfe von künstlicher Intelligenz werden sie unsere natürliche Sprache verstehen.

Gollewski: Besonders wichtig ist künstliche Intelligenz für das hochautomatisierte oder gar autonome Fahren. Denn klassische Rechenverfahren arbeiten immer deterministisch und können nicht mit Restunsicherheiten umgehen. Ein hochautomatisiertes Auto muss jedoch wissen, was wahrscheinlich in der nächsten Sekunde passiert, ohne dass zuvor alle denkbaren Szenarien exakt definiert sind. Um das mit klassischer Software abzubilden, würde man unendlich lange programmieren und testen müssen. Daher setzen wir bei unserer Steuerung „ProAI“ für hoch- automatisierte Fahrzeuge auf lernende Algorithmen.

Mamatha Chamarthi

absolvierte zunächst ein Englisch- und ein Betriebswirtschaftsstudium in ihrer indischen Heimat. Nach einem Informatik- und Wirtschaftswissenschaftsstudium in den USA startete sie 1996 als Programmiererin bei DaimlerChrysler. Dort machte sie rasch Karriere und war als Projektleiterin für die IT-Integration der beiden Vorläuferunternehmen sowie später als Program Manager für deren Trennung verantwortlich. 2010 wechselte Chamarthi als IT-Verantwortliche zu einem Energieunternehmen. Vier Jahre später kehrte sie in gleicher Position bei TRW in die Automobilbranche zurück. Im Sommer 2016 wurde Chamarthi zum Chief Digital Officer von ZF berufen.

Sind solche Entwicklungen nicht eigentlich Aufgabe des Automobilherstellers?

Gollewski: Die Automobilhersteller wandeln sich zunehmend zu Mobilitätsdienstleistern. Das führt dazu, dass wir als großer Zulieferer an anderer Stelle mehr Verantwortung übernehmen müssen. Dabei gibt es Nuancen, nicht nur zwischen den verschiedenen Herstellern, sondern auch von Fahrzeug zu Fahrzeug. Das stellt uns vor unglaublich spannende Aufgaben und das macht uns als Arbeitgeber sehr attraktiv.

Hat ZF die notwendigen Softwareentwickler schon an Bord?

Chamarthi: Wir bauen unsere Entwicklungskapazität derzeit weltweit massiv aus. Mit unserem jüngst in Hyderabad eröffneten Tech Center erschließen wir den indischen Markt für Softwareengineering. Dort werden wir bis zum Jahr 2020 eine Kapazität von 2500 Ingenieuren aufbauen und wir erwarten, dass drei Viertel von ihnen an neuer Software für ZF arbeiten.

Gollewski: Es ist außerdem unsere Aufgabe, die Entwicklungsmethodik permanent weiterzuentwickeln. Denken Sie mal an Funktionen, die ausschließlich auf Software basieren und die nachträglich in das Fahrzeug „geladen“ werden können. Jede Technologie-Innovation geht immer auch mit Prozess-Innovationen einher.

Profitieren eigentlich auch klassische ZF-Produkte von digitaler Vernetzung?

Gollewski: Langfristig alle, momentan schon einige. Nehmen Sie das Nutzfahrzeuggetriebe TraXon, das mit einer GPS-Anbindung und einer Schnittstelle zu Navigationsdaten vorausschauend und besonders kraftstoffsparend agiert. Durch die intelligente Schaltstrategie „PreVision GPS“ können Steigungen und Gefälle bereits im Vorfeld erkannt und bei der Wahl der Schaltzeitpunkte berücksichtigt werden.

Wann hält das Internet der Dinge Einzug in die Produktionswerke von ZF?

Chamarthi: Wir erproben „Industrie 4.0“-Technologien bereits intensiv. Einen Eindruck davon kann man sich im Werk Saarbrücken verschaffen. Dort fertigen wir Pkw-Getriebe in mehr als 1200 Varianten. Digitalisierung leistet hier einen wesentlichen Beitrag dazu, sowohl die Produktivität als auch die Prozessqualität zu steigern. Ein Beispiel: Die Kenntnis über den Aufenthaltsort jedes einzelnen Bauteils in Echtzeit hilft uns, die notwendigen Vorratsbestände im Werk zu verringern. Das spart uns bares Geld.

Kann ZF das alles alleine umsetzen?

Chamarthi: Wir werden sicherlich nicht alles alleine machen. Wir arbeiten daran, unsere Expertise mit digitalen Technologien zu kombinieren, und sind sehr rege dabei, mit traditionellen und neuen Partnern Innovationen und die bestmöglichen Produkte zu entwickeln. So sind wir beispielsweise eine strategische Partnerschaft mit dem Digital Accelerator „Plug and Play“ eingegangen. Diese ermöglicht es Start-ups aus aller Welt, sich mit den Ideen und Möglichkeiten von ZF zu verknüpfen. Wir werden mit etablierten Unternehmen wie IBM oder Microsoft, Start-ups und unserem internen Netzwerk zusammenarbeiten, um das digitale Unternehmen ZF zu erschaffen.

Und was passiert dann?

Gollewski: Wenn wir in der Idee eines Start-ups großes Potenzial erkennen, fördern wir dieses gezielt, im Einzelfall bis hin zu einer Beteiligung. Dafür haben wir die Zukunft Ventures GmbH gegründet. Dabei ist es nicht unsere Intention, die Beteiligungen aus ihrer unternehmerischen Verantwortung zu entlassen. Der von uns letztes Jahr erworbene 40-Prozent-Anteil an Ibeo, einem auf Lasersensoren spezialisierten Anbieter, ist ein gutes Beispiel für unser Vorgehen.

Chamarthi: Parallel dazu erweitern wir unser Open-Innovation-Netzwerk, indem wir mit Hightech-Unternehmen in Partnerschaften zusammenarbeiten. Ein Beispiel dafür ist das Bezahlsystem „Blockchain Car eWallet“, das wir gemeinsam mit Partnern entwickeln. Es wird die Abrechnung des Stromtankens für Elektroautos erleichtern. Die zugrunde liegende Blockchain-Technik kann zudem nützlich sein, um drahtlose Software-Updates im Auto zu ermöglichen.

Wie koordinieren Sie die vielen Einzelideen?

Chamarthi: Es existieren bereits vielfältige erfolgreiche Aktivitäten in den Divisionen und Geschäftsfeldern. Hinzu kommt die ZF-Denkfabrik als Ideenschmiede. Als Chief Digital Officer ist es meine Aufgabe, diese Aktivitäten zu orchestrieren und unsere Investments so zu gestalten, dass wir von einem fragmentierten Portfolio zu einer ganzheitlichen Ausrichtung kommen. Dies wird uns dabei helfen, Technologieführer bei automatisiertem Fahren, elektrifizierten Antrieben und integrierter Sicherheit zu werden.

Gibt es für die digitale Transformation von ZF einen ganzheitlichen Plan?

Chamarthi: Wir haben bereits eine sehr gute Basis und arbeiten an zahlreichen Initiativen. Um erfolgreich zu sein, müssen wir auf dieser Dynamik aufsetzen. Wir arbeiten derzeit an einer langfristigen Roadmap, müssen aber unser Unternehmen darauf vorbereiten, wachsam und agil zu bleiben, um immer auf den raschen Wandel des technologischen Umfelds reagieren zu können.

Gollewski: Im aktuellen Marktumfeld ist Geschwindigkeit eine entscheidende Größe. Deshalb tun wir gut daran, in flexiblen Netzwerken zu arbeiten. Aufgabe der Vorentwicklung bleibt es, neue Ideen in ein Gesamtsystem einzubetten, das alle Anforderungen erfüllt, die wir beim Auto voraussetzen.

Torsten Gollewski

studierte Nachrichtentechnik und begann seinen Berufsweg zunächst bei einem Automobilzulieferer, bevor er im Jahr 2000 zu Audi wechselte. Dort trug er wesentlich dazu bei, die Audi ElectronicsVenture GmbH aufzubauen. Ab Ende 2013 war Gollewski Geschäftsführer der AutomotiveSafetyTechnologies GmbH, einem Gemeinschaftsunternehmen von Audi und Andata. Seit Mitte 2016 leitet er die Vorentwicklung von ZF und ist gleichzeitig Geschäftsführer der neu gegründeten Zukunft Ventures GmbH.

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