Hauptentwicklungszentrum Pilsen Kompetenz in Osteuropa

Mit dem Ausbau des Forschungs- und Entwicklungszentrums in Pilsen 2015 hat ZF seinen Standort in Osteuropa verstärkt. Ein Team von 270 Ingenieuren übernimmt Entwicklungsaufgaben für den Konzern, testet Hard- sowie Software und erstellt Prototypen mit dem ersten 3D-Metalldrucker bei ZF.

„Dobrý den! Guten Tag“, Standortleiter Dr. Mathias Eickhoff begrüßt seine tschechischen Kollegen zur Dienstags-Konferenz. Mit dem Basis-Wortschatz klappt es nach anderthalb Jahren Sprachunterricht bei dem Westfalen schon ganz gut, aber Konferenzsprache ist Englisch. „Bei den Fachthemen ist die Konzernsprache für alle Beteiligten einfacher und schneller“, sagt der 51jährige lachend. Die Abteilungsleiter berichten, Mathias Eickhoff, hakt nach, entscheidet. „Wir haben hier ein hochmotiviertes Team junger Ingenieure“, sagt Eickhoff. „Während einige beim Stichwort ZF noch an Zahnräder denken, liegt unser Schwerpunkt bei der Software-Entwicklung. Deshalb kommen viele Hochschulabsolventen, aber auch Berufserfahrene aus Pilsen und Prag gern zu uns.“

Video: Forschung und Entwicklung in Pilsen

Erfahren Sie im Video, wie rund 250 Mitarbeiter in Pilsen an Hard- und Softwaretest arbeiten und Prototypen mit einem 3D-Drucker erstellen

Entwicklungszentrum Pilsen

Das Hauptentwicklungszentrum Pilsen wurde 2007 von einem Ingenieurdienstleister mit rund 50 Mitarbeitern übernommen, 2015 kam das neue Hauptgebäude hinzu. Heute beschäftigt ZF in Pilsen etwa 300 Mitarbeiter. 2015 erwirtschaftete das Team um Mathias Eickhoff einen Umsatz von etwa 12,5 Millionen Euro.

Entwicklungsaufgaben für mehr als 270 Ingenieure

Strategisch günstig liegt ZF Engineering Pilsen direkt an der Universitätsstraße neben den wissenschaftlichen Instituten. Pilsen und Tschechien böten viele Vorteile als Standort, erklärt Mathias Eickhoff. Die Nähe zur deutschen Grenze, die zentrale Lage in Europa, die Kommunikation, weil viele junge Tschechen deutsch oder englisch sprächen und die qualifizierte Ausbildung an den technischen Hochschulen. „Das macht den Standort attraktiv und ist ein guter Grund, sich hier stärker zu engagieren“, betont der Standortleiter. „Aktuell können wir gar nicht so viele Mitarbeiter rekrutieren, wie wir brauchen. Derzeit haben wir 25 offene Ingenieursstellen, mehr als die Hälfte davon sind sehr dringlich.“

Software-Kompetenz im ZF-Verbund

Blick ins Prüfprotokoll: Teamleiter Pavel Srnka und Test-Koordinator Václav Podlena überprüfen, ob die Software fehlerfrei läuft.

Teamleiter Pavel Srnka, 32, und Test-Koordinator Václav Podlena, 31, studieren am Bildschirm ein Prüfprotokoll. Sie testen Sicherheitsfunktionen an einem Nutzfahrzeuggetriebe. Und wo ist das Getriebe? „Das brauchen wir nicht“, sagen die beiden. „Wir arbeiten mit einer Simulation und checken die Software auf Fehler.“ Und wenn sie welche finden? „Dann geben wir die an die Kollegen in der Entwicklung weiter und kriegen später eine neue und hoffentlich fehlerfreie Version zurück.“ Solche Tests können zwei Stunden oder bis zu zwei Wochen dauern.

Mehr als zwei Drittel der Ingenieure bei ZF Pilsen arbeiten an Software-Entwicklungen und im Software-Test. Da keine moderne Technik mehr ohne Software-Steuerung auskommt, wird hier viel Zuarbeit für andere ZF-Standorte wie zum Beispiel Friedrichshafen geleistet. „Das läuft über die Bedarfs- und Kostenplanung“, sagt Mathias Eickhoff. „Man schaut konzernweit, wer hat die Kapazität und Kompetenz und kann zu welchem Preis die Entwicklung übernehmen.“

Prototypenteile aus dem Metalldrucker

Verglichen mit den Software-Teams im ersten Stock wirken die Werkräume im alten Gebäude wie eine längst überholte Welt. Aber hier steht der Fortschritt in Form eines 3D-Metalldruckers, des ersten und einzigen bei ZF. Mittels Laser wird Metall quasi gedruckt. Letztlich schmilzt er Schicht um Schicht aus Aluminium- oder Stahlpulver ­und baut ein dreidimensionales Werkstück auf.

Die Vorteile sind offensichtlich. „Wir sind schneller und günstiger, als wenn wir eine konventionelle Produktion aufziehen müssten“, sagt Druck-Koordinator Karel Löffelmann. Und die Prototypen-Werkstücke erlauben den Designern mehr Möglichkeiten. „Das hilft enorm bei der Vorentwicklung“, sagt Maschinenbauingenieur Mathias Eickhoff, „und ist ein Riesenfortschritt gegenüber Kunststoff-Prototyen. Die geben zwar die Form wieder, sind aber nicht einsetzbar wie Metallbauteile.“

Mit dem 3-D-Metalldrucker können geometrisch komplexe Teile direkt mittels additiven Verfahren aus Metall oder Aluminium gefertigt werden – schneller und günstiger als mit traditionellen Verfahren.

Zusammenarbeit im jungen Team

Im gläsernen Hauptgebäude von ZF Pilsen sitzen auch Konstruktion und Berechnung. Ein Konstrukteurs-Team konfiguriert zum Beispiel neue Zweimassenschwungräder am Computer. „Wir machen viel Entwicklung, das finde ich spannender als die Produktion“, sagt Maschinenbau-Ingenieur Miroslav Čižek, 36. Er arbeitet schon seit sechs Jahren bei ZF Pilsen.

Im Großraumbüro darunter sitzen in der Software-Entwicklung mehr als 100 Ingenieure zusammen und tüfteln in acht Teams an der Systemsteuerung von Getrieben wie 9HP, TraXon und Ergopower oder den neuen elektronisch angesteuerten Stoßdämpfern, dem Continous Damping Control (CDC). Abteilungsleiter Martin Valenta ist stolz auf seine „young potential brains“: „Wir haben hier in den vergangenen Jahren enorm viel Kompetenz mit neuen Mitarbeitern aufgebaut. Wir sind stolz, ein Teil des großen ZF-Teams zu sein.“

Fotos: Dominik Gigler, ZF

Weitere Artikel zu dem Thema