Neue ÖPNV-Dienstleistung von ZF Driveline gesamthaft durchdacht

Fast alle Verkehrsbetriebe wollen ihre Effizienz steigern. Um dies zu erreichen, bietet ZF nun eine streckenbezogene Antriebsstrangberatung.

Binnen Minuten identifiziert Lars Möller alle fahrzeugseitig als Datenquelle benötigten Leitungen.

Kurz muss der Stadtbus-Chauffeur diesmal noch abwarten, bevor er mit dem 228 kW (310 PS) und 1.300 Nm starken Iveco Urbanway – einem Euro-6-Modell – den neuen Arbeitstag auf seiner angestammten Route durch Málaga beginnt. Auf dem ersten Passagierplatz direkt hinter dem Fahrer sitzt heute nämlich ZF-Mitarbeiter Lars Möller. In der rechten Hand hält er einen grünen Schalter, in der linken einen Laptop. Diesen hat er nach circa einstündigem Vorlauf mit dem eigenen Mess-Equipment und der elektronischen Bus-Schaltzentrale verkabelt. Erst als der Techniker „o.k.“ ruft und per Daumen den Aufzeichnungsauslöser drückt, steigt der Fahrer vorne aufs Gaspedal.

Damit erlebte die einzigartige ZF-Dienstleistung, die sich streckenbezogene Antriebsstrangberatung nennt, ihre Spanienpremiere. Bereits zuvor hatte sie Verkehrsunternehmen unter anderem in Marokko, Russland und der Türkei beeindruckt. Der aktuelle Auftraggeber, das städtische Verkehrsunternehmen Empresa Malagueña de Transportes (EMT), wird dadurch schon in einigen Stunden präzise Antworten auf folgende Kernfragen bekommen: Sind die Busse auf dieser und zwei weiteren Touren tatsächlich mit der optimalen Achsübersetzung unterwegs? Passt diese auch zum Schaltprogramm des automatischen Getriebes ZF-EcoLife? Oder empfiehlt es sich, für kommende Fahrzeugneubestellungen besser eine andere, da wesentlich spritsparendere Achsoption beim OEM zu ordern? Vor allem aber: Auf welche Achsübersetzung und welches Schaltpogramm genau soll die Wahl dann fallen?

Jetzt gilt es nur noch die mitgebrachte Telematik-Box samt GPS-Antenne und integriertem barometrischen Höhensensor zu installieren sowie alles miteinander zu vernetzen.

Von statisch zu dynamisch

Die Grundidee zu diesem Zusatzangebot entstand vor vier Jahren im ZF-Geschäftsfeld Achs- und Getriebesysteme für Busse. Techniker wie Lars Möller verfolgten diese anschließend im Team konsequent weiter, bis sie daraus abgeleitet die nun vorgestellte, komplette und ausgereifte Serviceleistung präsentieren konnten: „Zuvor haben wir Busflottenbetreiber fast ausschließlich per Ferndiagnose dabei unterstützt, die möglichst ideale Achsübersetzung zu finden – zum Beispiel statisch über die Auswertung von Tachoscheibe und Motordaten“, erläutert Möller, während er weiterhin unterwegs im Iveco die Datenflut am Bildschirm im Auge behält. „Seit Kurzem haben wir alle Methoden genauso wie die nötigen Software- und Hardware-Tools fertig entwickelt, um als bislang einziges Unternehmen weltweit mit der streckenbezogenen Antriebsstrangberatung eine noch fundiertere, absolut präzise Vor-Ort-Analyse anbieten zu können, zusätzlich zum bisherigen Angebot, wohlgemerkt.“

EMT-Technikdirektor Fernando Plaza Plaza hat bei der neuen ZF-Dienstleistung sofort zugegriffen, als sie ihm zu Ohren kam: „Wir vertrauen auf ZF, das untermauert auch die Getriebe-Ausstattungsquote von aktuell bereits 70 Prozent. Außerdem stehen wir traditionell allem Neuen, von dem unser Unternehmen profitieren kann, aufgeschlossen gegenüber – so auch der Antriebstrangberatung direkt bei uns. Die bringt zusätzlich zu den Getrieben und Achsen von ZF mehr Effizienz ist und daher eine sehr willkommene Unterstützung.“ Dieses Streben nach höherer Wirtschaftlichkeit erscheint umso logischer, wenn man berücksichtigt, dass Málagas Verkehrsbetrieb insgesamt 255 Busse auf 40 Linien einsetzt – uns so alleine im Jahr 2014 rund 45 Millionen Passagiere stolze 1,15 Millionen Kilometer weit transportierte. Suboptimale Achsübersetzungen bedeuteten folglich, diese Laufleistungen hochgerechnet auf viele Jahre mit unnötig durstigen Bussen bewältigen zu müssen.

Fast 165.000 Liter Kraftstoffersparnis – pro Jahr

Stoppanzahl, Steigungen oder Spitzentempi: Tourparameter entscheiden mit, wie durstig ein Bus in der Praxis ist – und welche Achse Sprit spart.

Am Ende von Tag drei hat Möller seine Messungen abgeschlossen. Allen voran Daten des Topografie-, Geschwindigkeits- und Verbrauchsprofils sowie der dazugehörigen GPS- und Motor- und Getriebedaten sind nun auf gleich drei verschiedenen lokalen Routen erfasst und auch schon aufbereitet. Die sinngemäße Zusammenfassung lautet: Die betrachteten Touren erstrecken sich über Längen zwischen 8,1 und 19,2 Kilometer, enthalten inklusive Haltestellen und Ampeln 38 bis 54 Stopps und variieren zudem durch Durchschnittstempi von 17 bis 29,3 km/h sowie durch Maximalgeschwindigkeiten von 47,7 bis 76,2 km/h. Einzige Gemeinsamkeit: Die durchschnittlichen Steigungen beziehungsweise Gefälle liegen auf einheitlich niedrigem Niveau. Um auf dieser komplexen Informationsbasis schnell den am besten geeigneten, maximal verbrauchssenkenden Achsübersetzungskompromiss zu bestimmen, kann ZF glücklicherweise auf ein besonderes Instrument zurückgreifen: die eigens entwickelte Simulationssoftware OASIS. Diese berücksichtigt nicht nur die jeweils aktuell erfassten Daten, sondern auch den digitalen Erfahrungsschatz von ZF, das als einziges Unternehmen sowohl Achs- als auch Getriebesysteme für Busse entwickelt und herstellt.

Was sich nun konkret in und für Málaga ergeben hat? Alleine durch die Änderung der Achsübersetzung bei künftigen Bussen ließe sich deren Verbrauch auf den vergleichsweise flachen innerstädtischen Routen um durchschnittlich 1,5 Prozent senken. Das mag in manchen Ohren nach wenig klingen; ausgehend von einem gemittelten Gesamtkonsum der EMT-Flotte von derzeit 30.000 Litern Diesel täglich würde das jedoch aufs Jahr gerechnet 164.250 Liter Dieselkraftstoff und damit rund 433,6 Tonnen Kohlendioxid einsparen. Und Reduktionen dieser Größenordnung sind für die urbane Umwelt genauso bedeutend wie für die betriebliche Wirtschaftlichkeit. Antriebsstrangberater Möller, der das volle Potenzial seiner Dienstleistung genau kennt, zeichnet mit einer halbkreisförmigen Armbewegung den nördlichen Horizont in Málaga nach: „Hätte der Auftrag gelautet, eine der weniger stark frequentierten, hügeligen Routen außerhalb des Zentrums ins Visier zu nehmen – dann wären wir ziemlich sicher auf Einsparungen gekommen, die sich sogar im Bereich von vier Prozent bewegen.“

EMT gilt als landesweiter Pionier in Sachen Connectivity, Solarladesysteme, Barrierefreiheit sowie Umwelt- und Luftqualitätsmessequipment für Busse.

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