Smarte Logistik Die Ware stets im Blick

Bisher war der Zustand der Fracht auf dem Lkw die letzte große Unbekannte im Logistikablauf. Mit der Datenplattform „deTAGtive logistics“ hat Openmatics, der Connectivity-Spezialist von ZF Services, hierfür eine Lösung gefunden. Grundlage ist die in Smartphones bewährte Bluetooth-Technologie.

Michael Burkhart steht vor dem Lkw und kontrolliert mit einem Blick auf sein Tablet die darin verladenen Getriebekomponenten. „Alles in Ordnung“, sagt der Technische Projektleiter "deTAGtive" von ZF Services ohne seinen Blick aufzurichten. Das muss er auch nicht, denn den Zustand der Fracht kann er auch so jederzeit nachverfolgen. Möglich macht dies die Datenplattform „deTAGtive logistics“ und die dazu gehörenden Bluetooth-Smart-Tags. Die Tags sind leistungsstarke Überwachungsspezialisten mit einer Grundfläche kleiner als eine Visitenkarte, die an den Ladungsträgern angebracht sind. Sie messen das Umfeld mittels integrierten Beschleunigungs-, Temperatur- und Lichtsensoren und übertragen die Daten direkt auf Burkharts Tablet. Es gibt die Tags in drei verschiedenen Ausführungen: Die Basisvariante ermöglicht Standortinformationen und Identifizierung – so kann der komplette Weg einer Palette in Kartendarstellung nachvollzogen werden. Variante 2 informiert zusätzlich über Beschleunigung und Stöße, Temperatur und Licht; während die dritte Art auch die Luftfeuchtigkeit misst. Bis zu fünf Jahre können die Tags im Einsatz sein, erst dann ist die Leistung der Knopfbatterie erschöpft.

Sehen Sie in diesem Video, wie „deTAGtive logistics“ funktioniert und im Feldversuch getestet wird

Komplette Lieferkette mitverfolgen

Seit November 2015 testet ZF das smarte Logistikkonzept im internen Warenverkehr zwischen zwei Werken am Stammsitz in Friedrichshafen. Dabei werden Hohl- und Turbinenwellen für das Bus-Automatgetriebe EcoLife aus der Fertigung direkt ans Montageband geliefert und anschließend verbaut. „Für uns ist das der optimale Use-Case“, erklärt Burkhart. „Wir sind direkt vor Ort und können jederzeit die 2,5 Kilometer lange Strecke mitverfolgen. Dennoch bilden wir die gesamte Lieferkette ab: vom Gestell, über Gabelstapler und Lkw bis zum Andienen am Montageband.“

Um die Sensibilität der Tags zu testen, werden im Feldversuch die Grenzwerte für Erschütterungen extrem niedrig gehalten – selbst wenn der Gabelstapler den Ladungsträger mit Getriebekomponenten noch so vorsichtig verlädt.

Angebracht an den Ladungsträgern sind die Smart Tags stets den gleichen Umweltbedingungen ausgesetzt wie die Getriebeteile selbst. Bei Temperaturveränderungen, Erschütterungen oder falschen Lichtverhältnissen übermitteln die im Tag verbauten Sensoren die Daten zunächst an den integrierten Chip, der diese zusammen mit der Tag-ID via Bluetooth beispielsweise sofort an ein mobiles Endgerät weiterleitet.

Ist keines vor Ort, werden die Daten quasi im Vorbeigehen an die fest installierten Tag-Finder entlang des Transportwegs oder an die im Fahrzeug angebrachte Connectivity-Unit von Openmatics ausgespielt. Alle aufgezeichneten Daten werden in einer Cloud gespeichert, aufbereitet und können dort abgerufen und verwaltet werden.

Die letzte große Unbekannte

Bisher war der Zustand der Fracht auf dem Lkw die letzte große Unbekannte im Logistikablauf. Denn einmal verladen, wussten weder Fahrer, noch Spediteur oder Kunde, wie es um die Ware während des Transports bestellt ist. Das ließ sich erst nach dem Öffnen des Trailers oder im weiteren Verarbeitungsprozess mit Gewissheit sagen. Lieferengpässe oder Produktionsstillstände wegen Teilemangels waren die zeitaufwändige wie kostspielige Konsequenz.

Alles im Blick: Wird beim Transport, etwa durch einen Stoß, der vorher definierte Grenzwert überschritten, übermittelt der Bluetooth-Smart-Tag dieses Ereignis an das mobile Endgerät. Dazu muss zuvor lediglich eine App installiert werden.

Grenzenlose Möglichkeiten

Die technologische Basis für „deTAGtive logistics“ bildet die Cloud-Computing-Plattform Microsoft Azure. Diese verwaltet die Konnektivität der Tags, speichert, analysiert und visualisiert die Daten. Grundsätzlich können die Smart Tags auch abseits der Straße zu einem interessanten Geschäftsmodell werden: „Künftig werden wir Openmatics über das gesamte Produktspektrum auch für Predictive Diagnostics und Predictive-Maintenance-Konzepte einsetzen“, sagt Thomas Rösch, Geschäftsführer von Openmatics. Ein solches Modell, mit dem sich die Wartung von Windkraftgetrieben zu einem optimalen Zeitpunkt „vorhersagen“ lässt, hat ZF auf der Hannover Messe Industrie bereits vorgestellt. Der Konzern bedient damit den Wachstumstrend der Digitalisierung: „Mit den Bluetooth-Smart-Tags haben wir auch stationäre Anwendungen in der Industrie oder mobile Anwendungen in Bau- und Landwirtschaft im Blick.“ Auch die Sicherheitstechnik könnten die Tags bereichern, beispielsweise wenn es um die räumliche Ortung von Personen in sensiblen Bereichen geht. Kurz gesagt: Es sind keine Anwendungsgrenzen für die attraktiven Lösungen in Sicht.

Immer auf dem Laufenden: Die auf den Ladungsträgern installierten Tag-Finder übermitteln die Daten über die Connectivity-Unit in die Cloud.

Openmatics

Seit 2010 bietet Openmatics von ZF Services passgenaue Connectivity-Produkte an. Hinter der Produktmarke steht die im tschechischen Pilsen gegründete openmatics s.r.o, ein Tochterunternehmen von ZF, die eine offene, von Branche sowie von Fahrzeug- und Komponentenhersteller unabhängige Telematik-Plattform bietet. Als Basis für einenreibungslosen Informationsaustausch zwischen Betreiber, Disponent, Fahrer und Fahrzeug verbessert sie Management, Wirtschaftlichkeit und Sicherheit von Bus- und Lkw-Flotten. Kernkomponente ist die kompakte Connectivity-Unit, die im Fahrzeug als Kommunikationsgateway für interne und externe Daten fungiert. Der besondere Vorteil der offenen Plattform: Ihr Leistungsspektrum kann über Apps individuell definiert und beliebig erweitert werden. Aufbauend auf der Telematik-Plattform werden zudem Engineering Produkte und Services für Kunden entwickelt.

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