Jobs mit Zukunft Die stille Revolution

Im Zuge der Digitalisierung steht die Automobilindustrie vor großen Umbrüchen – und mit ihr verändern sich die Berufsbilder der Ingenieure und Informatiker. Zunehmend sind interdisziplinär arbeitende Fachleute gefragt – so auch bei ZF.

Ein kleines grünes Bauteil liegt vor Claudia Hopfensitz. Vorsichtig nimmt die gebürtige Mexikanerin die Platine in die Hand. „Schon heute forschen wir an der Technologie, die in 15 Jahren benötigt wird“, sagt sie. Die Leistungselektronikerin aus der Zentralen Forschung und Entwicklung von ZF in Friedrichshafen arbeitet an Umwandlern für Hybrid- und Elektrofahrzeuge. „Solche komplexen Systeme können heutzutage nicht mehr von einer Person alleine entwickelt werden. Die Innovationen sind immer ein Zusammenspiel von Ingenieuren verschiedener Disziplinen“, betont Hopfensitz.

Vernetzt mit der Cloud

Softwareingenieur Volker Vogel entwickelte für das ZF-Konzeptfahrzeug Advanced Urban Vehicle ein cloudbasiertes Assistenzsystem.

An der Vernetzung von Fahrzeugen arbeitet Volker Vogel. Der Software-Ingenieur sitzt im ZF-Konzeptfahrzeug Advanced Urban Vehicle und erklärt anhand eines Tablets die Vorteile eines von ZF entwickelten Assistenzsystems. „Normalerweise wird beim Bremsen Energie verschwendet. Mit dem PreVision Cloud Assist regulieren wir das Drehmoment vor der Einfahrt in die Kurve nach unten und verlangsamen so ohne mechanisches Bremsen die Geschwindigkeit. Das spart Energie und erhöht die Fahrzeugsicherheit“, erklärt Vogel. Möglich macht das die Vernetzung mit der Cloud. Denn bei jeder Fahrt sammelt das Assistenzsystem Daten zur Fahrzeugposition, zur aktuellen Geschwindigkeit sowie zur Quer- und Längsbeschleunigung – das sind die Kräfte, die beim Kurvenfahren, Beschleunigen und Abbremsen wirken – und speichert diese Informationen in der digitalen Wolke. Aus diesen Daten sowie dem vorab hinterlegten GPS-Kartenmaterial berechnet das System die optimale Fahrweise für jeden gefahrenen Streckenabschnitt.

Der PreVision Cloud Assist ist nur eine von vielen Innovationen im Advanced Urban Vehicle, mit dem ZF erstmals auf der IAA 2015 für Aufsehen sorgte. Mit einem elektrischen Hinterradantrieb, einem Parkassistenten und einem intelligenten Lenkrad, das erkennt, ob der Fahrer die Hände am Steuer hat oder nicht, zeigte das Unternehmen, erste Potenziale, die sich aus der intelligenten Vernetzung von Fahrwerk-, Antriebs- und Fahrerassistenzsysteme ergeben. „Die Mobilität der Zukunft wird zunehmend von den Themen Elektrifizierung, Digitalisierung, Sicherheit und Vernetzung geprägt sein“, beschreibt der ZF-Vorstandsvorsitzende Dr. Stefan Sommer diese Entwicklung. Deshalb brauche das Unternehmen neben klassischen Ingenieuren verstärkt Elektrotechniker und Softwareingenieure.

Ein Team aus Hardware- und Software-Spezialisten

Seit 13 Jahren beschäftigt sich der Ingenieur Bob Newton mit der Entwicklung von Kamerasystemen.

Am Standort Farmington Hills im US-Bundesstaat Michigan befindet sich ein Elektronik-Entwicklungszentrum von ZF TRW. Hier leitet Bob Newton das Applikationsteam für Frontkamerasysteme. Die Kameras helfen, Kollisionen zu vermeiden, das Fahrzeug in der Spur zu halten sowie Verkehrszeichen und Ampeln zu erkennen. „Unsere Kameras sind wesentlicher Bestandteil für das automatisierte Fahren. Sie tragen so zu mehr Sicherheit bei“, sagt Newton. Dazu seien Hardware- und Software-Spezialisten gefragt. „Mein Job ist ein Mix aus beiden“, erklärt Jacqueline Hu, die mit Newtons Team zusammenarbeitet und das Zusammenspiel aus Kamera und Software für einen Kunden testet.

Diese Mischung sieht CEO Dr. ­Sommer als künftige Stärke von ZF. „Unsere Zukunft liegt in der intelligenten Kombination aus Mechanik, Elektronik und Digitalisierung“, betont er. Elektronikkompetenz hat das Unternehmen schon seit Jahren aufgebaut. Intelligente elektronische Steuer­einheiten dirigieren Fahrwerksysteme wie die aktive Hinterachslenkung AKC oder das adaptive Dämpfungssystem CDC. In der Pkw-Antriebstechnik hielt Elektronik ebenso schon vor Jahren Einzug, auch Steuergeräte, Leistungselektronik und Elektromotoren gehören längst zum Portfolio von ZF. Mit dem Zukauf von TRW kamen elektrifizierte Lenkungen und Bremsen sowie das Feld der Fahrassistenzsysteme hinzu.

Mit der Safety Domain ECU (SDE) hat ZF TRW ein zentrales Steuergerät im Programm, das Millionen von Datenbytes der Umgebungssensoren verarbeitet und den Fahrzeugstand sowie die Verkehrssituation rund um das Fahrzeug analysiert. Durch die herstellerunabhängige Plattform Openmatics deckt ZF zudem das Feld der Telematik-Anwendungen ab, also der digitalen Informationsvermittlung von und zum Fahrzeug.

Interdisziplinäre Fachleute der Zukunft

Mechatroniker Mathias Döring (rechts): Der Computer ist sein wichtigstes Arbeitsgerät.

Am Hauptsitz der neuen Division E-Mobility in Schweinfurt arbeitet ­Mathias Döring. Er ist Mechatroniker und hat Ingenieurinformatik studiert, bevor er seine berufliche Karriere bei ZF startete. Dörings Aufgabe ist die Auslegung von Elektromotoren. Das heißt: Wenn die Entwicklung von vorn beginnt und ein Modell des zu konstruierenden Elektromotors gebraucht wird, dann kommen er und seine Abteilung ins Spiel. Der Computer ist sein wichtigstes Arbeitsgerät. „Alle Simulationen laufen am Rechner“, sagt Döring. Und dank neuer Programme und immer leistungsfähigerer Computer lassen sich die Simulationen immer schneller aufbauen.

Experten wie Hopfensitz, Vogel, Newton, Hu und Döring sind Fachleute der Zukunft, die Stärken in Mechanik und Elektronik wie auch im analogen und digitalen Arbeiten miteinander verbinden. „Die Berufsbilder verändern sich“, betont Martin Frick. Als Personalmarketing-Leiter sucht er nach Experten mit neuen Profilen. „Wir brauchen interdisziplinär ­arbeitende Ingenieure und IT’ler als Dolmetscher zwischen Software und Hardware“, sagt Frick. Weil der Arbeitsmarkt nicht genügend Fachkräfte hergibt, setzt ZF auf die eigene Ausbildung – etwa im dualen System – und unterstützt erfahrene Mitarbeiter, die sich neben dem Job weiterbilden, mit Stipendien. „Qualifizierte Mitarbeiter sind der Schlüssel für unternehmerischen Erfolg in der digitalisierten Welt“, betont Frick.

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