Lkw-Prototyp trifft Praxis Rangieren übers Tablet

Er stand letztes Jahr im Rampenlicht der IAA Nutzfahrzeuge in Hannover. Heute muss der ZF Innovation Truck zeigen, ob er auch unter der Sonne auf einem Speditionsbetriebshof glänzt.

Zum ersten Mal steuert Fuhrparkleiter Sebastian Wischhöfer den Innovation Truck mit einem Tablet.

Nur noch rund zwei Meter trennen das Heck des Lkw-Anhängers von der Laderampenöffnung in der Hallenwand. Genau dazwischen steht Sebastian Wischhöfer, Fuhrparkleiter der Spedition Ansorge Logistik im bayerischen Biessenhofen, und widmet sich konzentriert dem Tablet-PC in seiner linken Hand. Er surft nicht damit, er steuert fern: nämlich just jenen vollkommen unbesetzten 25-Meter-Lastzug namens ZF Innovation Truck, der ihm und der Mauer beharrlich näherkommt. Erfährt man nun, dass Wischhöfer das zum allersten Mal macht – dann gäbe es doch zumindest ansatzweise Anlass für einen erhöhten Puls.

Doch Olrik Weimann, der bei ZF das Projekt Innovation Truck leitet, und Wolfgang Thoma, geschäftsführender Gesellschafter der Spedition, sind völlig entspannt: Schmunzelnd beobachten sie den Ausflug des einzigartigen Lkw-Prototyps ins wahre Logistikleben. Sie wissen, dass Technologien wie diese künftig kommen und die Abläufe im Transportwesen vereinfachen werden. Und sie sehen gerade live, dass dieser ZF-Zwischenschritt zum vollautomatisierten Fahren schon heute funktioniert.

Am Ziel lenken lassen

Was der Fuhrparkleiter momentan ausprobiert, nennt sich Rangier-Assistent: eine kluge Kombination aus einer gleichnamigen App fürs Tablet mit dem automatischen TraXon-Getriebesystem, Telematik von Openmatics und der fortschrittlichen Überlagerungslenkung im Innovation Truck. Diese Funk-Fernsteuerfunktion hilft aber nicht erst an der Rampe. Gleich nachdem der Fahrer des Innovation Truck an der Speditionseinfahrt angekommen war, hat er das Tablet aus der Cockpit-Halterung genommen, es zum Weitersteuern an Wischhöfer übergeben und den Pausenraum aufgesucht.

Dort genießt der Fernfahrer seither seine wohlverdiente, auch gesetzlich vorgeschriebene Ruhezeit beim schon zweiten Becher Kaffee. Amüsiert hat er hin und wieder durch die Fensterfront beobachtet, wie Speditionskollegen auf den augenscheinlich eigenständig über den Hof fahrenden ZF Innovation Truck reagieren – meist die Smartphone-Kamera zückend, immer verblüfft.

Während der Fuhrparkleiter den Truck rangiert, kann der Fernfahrer in Ruhe seinen Kaffee genießen.

Wirtschaftlich weiter blicken

Speditionschef Thoma ist definitiv niemand, der bei Visionen zaudert. Er hat präzise strategische Erwartungen an den Fortschritt und setzt seine Vorstellung einer besseren Logistikwelt zielstrebig um. Wie der ZF Innovation Truck dank des Getriebesystems TraXon Hybrid soeben nahezu lautlos und emissionsfrei über das Gelände surrt, liegt daher ganz auf seiner Wellenlänge. Große Vorteile sieht er vor seinem geistigen Auge in dicht besiedelten Gebieten, bei Nacht, oder auch in Hallen – vor allem aber in der Zukunft: „Das Transportvolumen steigt bis 2025 um 50 bis 70 Prozent. Gleichzeitig wird die Branche spätestens dann wohl unter einem starken Fahrermangel leiden – wir spüren ja schon jetzt, dass kaum noch Junge nachkommen.“ Folglich haben Fahrzeugfunktionen wie der Rangier-Assistent, die den Truckeralltag enorm vereinfachen, Thomas volle Sympathie.

Wischhöfer scheint zufrieden. Mit dem geringstmöglichen Restabstand zwischen Hänger und Rampe – sowie ohne den kleinsten Kratzer an diesen und sich selbst – hat er den Innovation Truck kurzerhand präzise in die Entladeposition ferngesteuert. Was das für ein Gefühl war? „Es klappt wie von selbst, also wirklich ganz einfach und erstaunlich unspektakulär“, so der Fuhrparkmanager. Es gibt wohl kaum ein größeres Kompliment, das man einem bislang einzigartigen Fahrzeug-Prototyp mit einer komplett neuen Assistenzfunktion in puncto Ausgereiftheit und Alltagstauglichkeit machen kann – insbesondere, wenn es sich um einen schweren Lkw mit Auflieger und Anhänger handelt.

Fotos: Volker Martin, Volker Hammermeister

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