CDC Sicher in der Kurve

Mit CDC (Continuous Damping Control) brachte ZF als erster Zulieferer ein verstellbares, elektronisches Dämpfungssystem für Pkw auf den Markt. Heute gehört es zur Serienausstattung zahlreicher Pkw, Lkw, Busse, Landmaschinen und Motorräder.

Auf die Frage, was eine neue Entwicklung zur Innovation macht, kennen Wirtschaftswissenschaftler eine einfache Antwort: der Erfolg des Produktes am Markt. Dieser lässt sich am deutlichsten am Volumen jährlich produzierter und nachgefragter Einheiten belegen. Diese Messlatte muss ZF mit Blick auf CDC (Continuous Damping Control) nicht scheuen: Seit ZF im Jahr 1994 als erstes Unternehmen mit der Serienentwicklung eines kontinuierlich verstellbaren Fahrwerkregelsystems für Pkw begann, liefen mehr als 18 Millionen Einheiten vom Band. Aus der optionalen Systemlösung für Luxus- und Oberklassewagen ist heute ein Serienprodukt mit einem breiten Markterfolg bei Pkw, Nutzfahrzeugen, Landmaschinen und Motorrädern geworden.

Als Ende der 80er-Jahre ein Team aus Konstrukteuren und Versuchsingenieuren mit der Entwicklung des CDC begann, blickt die später von ZF übernommene Mannesmann Sachs AG schon auf rund zehnjährige Erfahrung mit elektronisch geregelten Dämpfungssystemen zurück. Hierbei handelte es sich allerdings um einfache, handgeschaltene elektromotorische Verstellungen der Dämpferkennlinie, bei denen einfache adaptive Regler je nach Fahrsituation zwischen zwei oder drei unterschiedlichen Dämpfercharakteristiken wählten - der Komofort blieb auf der Strecke. Gleichzeitig waren die Herstellungskosten unverhältnismäßig hoch. „Die Kollegen suchten Ende der 80er-Jahre nach einer Möglichkeit, die Produktionskosten für das elektronische Dämpfungssystem zu senken und gleichzeitig den Fahrkomfort zu erhöhen – ohne Abstriche in Sachen Fahrsicherheit zu machen“, erklärt Heinrich Schürr, Leiter Entwicklung Aktive Dämpfer. „Schnell war klar, dass man dafür ein Dämpfungssystem mit einem Ventil brauchte, das nicht mehr in Stufen, sondern stufenlos geregelt werden konnte.“

Von der Idee zum Produkt

Damit war das interne Entwicklungsprojekt ins Leben gerufen: Konstrukteure befassten sich mit der Architektur des neuen Ventils und Versuchsingenieure arbeiteten am perfekten Zusammenspiel der einzelnen Dämpferkomponenten und entwickelten die notwendige Regelungstechnik. Parallel entstanden so in enger Zusammenarbeit CDC-Lösungen für Pkw und Nutzfahrzeuge. „Wir waren zu diesem Zeitpunkt die ersten, die diesen Gesamtsystemansatz bei der Fahrwerkauslegung verfolgten; alle anderen Zulieferer waren damals nur auf Komponentenebene unterwegs“, erzählt Heinrich Schürr. Das Team übernahm damit einen großen Trend in der Automobilindustrie: die Verlagerung der Systemkompetenz von den Herstellern hin zu den Lieferanten.

Herzstück des CDC-Dämpfers ist ein Proportionalventil: Je nach Stellung des Ventils wird ein Durchlass für den Ölfluss geweitet oder verengt. Das Ergebnis ist eine kontinuierlich angepasste Fahrwerkabstimmung: stufenlos, präzise und radindividuell.

Als erster Kunde witterte der südkoreanische Autohersteller SsangYong 1997 die Chance, sein Flaggschiff Chairman dank CDC vom Wettbewerb abzuheben. Weitere Premiumklassefahrzeuge und Sportwagen zogen nach, darunter BMW 7er, Ferrari 360 Modena, VW Phaeton, Maserati 3200 Coupé und Audi A8. „Bald setzte sich die Performance dieser Technologie bei den Herstellern durch und CDC schaffte den Sprung zur Serienausstattung in der Oberklasse. Das hat natürlich zur Erhöhung des Volumens beigetragen und die Weichen für eine Verbreitung ins Mittelklasse-Segment gestellt“, erklärt Dr. Andreas Fink, Leiter Produktlinie Aktive Dämpfer. Der Aufstieg zum Serienprodukt gelangt ab 2004: BMW stattete den 7er zu 100 Prozent mit CDC aus und Opel setzte bei den Volumenmodellen Astra, Vectra und Zafira auf das adaptive Dämpfungssystem. Die CDC-Produktionszahlen stiegen in der Folge rasant. Doch damit war das Potenzial der Innovationstechnologie von einst noch lange nicht ausgeschöpft. Auch Hard- und Software sowie die Funktionsalgorithmen der Steuereinheit wurden regelmäßig optimiert.

Video: CDC für Kleinwagen und Vans

Kontinuierlich verbessert

Lange Zeit war CDC jedoch für Fahrzeuge im preissensiblen Kleinwagensegment zu teuer. Abhilfe schafften die Ingenieure von ZF mit der Systemadaption CDC 1XL, die 2014 im Honda Civic Tourer erstmals in Serie ging. Das System nutzt die Dämpfertechnologie und die Systemarchitektur des Vollsystems – in kostenmäßig angepasster Form. Denn CDC 1XL wurde speziell dafür entwickelt, die Beladungsschwankungen an der Hinterachse auszugleichen, die etwa bei Kleinwagen und Vans mitunter beträchtlich sein können.

Vorzüge bei veränderten Beladungszuständen mit und ohne Beifahrer sowie bei Brems- und Beschleunigungsmanövern bietet CDC seit 2012 auch für motorisierte Zweiräder. Top Modelle von Aprilia, BMW und Ducati dämpfen Fahrbahnunebenheiten inzwischen souverän mit CDC. Zum Komfort für Fahrer und Passagiere sowie zur Schonung der Ladung trägt CDC auch in Bussen und Lkw bei. Andere Weiterentwicklungen sind bereits in vollem Gange und profitieren von den Synergien zwischen den einzelnen Divisionen: „Aktuell übertragen wir die Erkenntnisse aus den Pkw-Vollsystemen auf die Kabinendämpfung für Landmaschinen und Lkw“, so Heinrich Schürr.

Dämpfung wird zum Standard

Der konsequenten Ausweitung des Einsatzbereichs ist es zu verdanken, dass bis Mitte 2015 rund 18 Millionen CDC-Dämpfer vom Band liefen – Tendenz steigend: „Wenn wir die Ausrüstungsgrade weltweit betrachten, liegen wir mit der CDC-Technologie noch im einstelligen Bereich“, bilanziert Andreas Fink. „Da gibt es – was das theoretische Wachstumspotenzial betrifft – noch Luft nach oben.“

Das wiederum führt zurück auf die eingangs beschriebene Definition. Die hohen Stückzahlen sind Fluch und Segen zugleich: Sie kennzeichnen den Erfolg des Systems, aber anhand der breiten Streuung auf dem Markt würde heute kaum jemand mehr von CDC als Innovationstechnologie sprechen. Das adaptive Dämpfungssystem wird mehr und mehr zum Standard – zum Vorteil der Fahrzeuginsassen.

Fotos: Corbis

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