50 Jahre Pkw-Automatgetriebe Erfolgsgeschichten in Serie

1965 brachte ZF sein erstes Automatgetriebe für Pkw in Serie. 50 Jahre später ist aus dem damaligen Außenseiter ein Weltmarktführer geworden. Pkw-Automatgetriebe von ZF sind technischer Benchmark – und werden in enormen Stückzahlen produziert.

Es läuft und läuft und läuft: Im weißen BMW 2000 C aus dem Jahr 1967 arbeitet das erste Pkw-Automatgetriebe von ZF, das 3HP. Und das noch immer höchst zuverlässig. Wer in dem Fahrzeug, das der Historischen Sammlung von ZF gehört, Platz nimmt und losfährt, befördert sich in ein anderes automobiles Zeitalter. Keine Servounterstützung beim Lenken und Bremsen, keine Klimaanlage, wenig Geräusch- und Vibrationskomfort. Aber schon höchst komfortable automatische Gangwechsel.

Komfort als Markttreiber

Manfred Bucksch kam in den 60er Jahren als junger Ingenieur zu ZF und entwickelte mit seiner Ingenieurstruppe das 3 HP.

„Wir waren damals Exoten“, erinnert sich Manfred Bucksch an die Zeit in den 60er Jahren. „Und das nicht nur im Markt, sondern auch ZF-intern.“ Bucksch kam als junger Ingenieur 1967 zu ZF und stieß wenig später zur Ingenieurstruppe, die für das 3HP verantwortlich war. ZF war damals eher ein Spezialist für Nutzfahrzeuggetriebe. Doch automatischer Schaltkomfort, in den USA längst etabliert, galt als das nächste große Ding in der europäischen Automobilindustrie. ZF hatte seinen Markteinstieg gut vorbereitet, das 3HP galt in technischer Hinsicht sofort als wettbewerbsfähig.

Um in großem Stil Automatgetriebe zu produzieren, suchte ZF einen Partner und holte im Jahr 1970 mit Borg-Warner einen der damals größten und erfahrensten Pkw-Getriebehersteller aus den USA ins Boot. Der verließ allerdings nach kaum zwei Jahren wieder das Joint Venture. „ZF stand damals vor der Wahl, ebenfalls aufzugeben oder alleine weiterzumachen“, erinnert sich Bucksch. ZF machte weiter, stemmte die Investitionen für die Produktion in Saarbrücken und in den Entwicklungsstandort Kressbronn selbst. Ein riskanter Kraftakt, der langfristig Erfolg hatte, wie ein Blick auf die aktuellen Zahlen zeigt: Jeden Tag laufen alleine im Getriebewerk in Saarbrücken rund 10.000 Automatgetriebe des Typs 8HP vom Band. Mehr als 2,5 Millionen Einheiten kommen so pro Jahr zusammen. Zum Vergleich: 1975 produzierte ZF 43.000 Einheiten. Pkw-Automatgetriebe sind heute eines der wichtigsten Produkte des Konzerns – und eines der bekanntesten.

Video: 50 Jahre Automatgetriebe von ZF

Seit einem halben Jahrhundert produziert ZF Automatgetriebe für Pkw. Mit diesem Produkt verbindet ZF eine der großen Erfolgsgeschichten des Konzerns.

Innovations-Kaskade

Das 3HP war das erste Stufenautomatgetriebe von ZF, das vor genau 50 Jahren auf den Markt kam.

Dieser Erfolg kommt nicht von ungefähr. „In den vergangenen Jahrzehnten haben wir mit unseren Entwicklungen jedem Vorurteil, das es zu Stufenautomatgetrieben gab, den Boden entzogen“, so Bucksch. Der ehemalige Entwicklungsleiter Pkw-Automatgetriebe hat in seiner aktiven Zeit fast das gesamte Produktspektrum überblickt: Die zweite Generation des 3HP war sein erstes Projekt, vom 8HP hat er kurz vor seiner Pensionierung noch Konzeptskizzen gesehen.

Mit jeder Generation hat ZF seine Automatgetriebe aber kraftstoffeffizienter, dynamischer, vielseitiger und individueller gemacht – und dabei auch die Technik gründlich umgekrempelt. Der Drehmomentwandler, einst Quelle des Komforts und zugleich Ursache für den verschwenderischen Umgang mit dem Kraftstoff, wird immer früher überbrückt. Dabei half auch die Elektronik, die ZF erstmals 1982 im 4HP einsetzte. „1978 galten die Elektronik-Bauteile noch als zu anfällig für den harten Einsatz im Getriebe“, erinnert sich Georg Gierer, Elektronik-Ingenieur der ersten Stunde und später Leiter Entwicklung Pkw-Getriebe-Elektronik.

5HP als Kilometer-Millionär

Wie sieht wohl ein Getriebe aus, das eine Million echte Straßenkilometer auf den Zahnrädern hat? Bei der Antwort auf diese Frage kam ZF die Redaktion der deutschen Fachzeitung „Auto Bild“ zu Hilfe. Die machte in den Niederlanden einen BMW 525 TDS ausfindig, der 991.000 Kilometer auf dem Tacho hatte. Die Testredakteure fuhren den Wagen exakt bis 1.005.777,6 Kilometer und ließen das 1997 gebaute Fahrzeug dann fachgerecht zerlegen. Zum Vorschein kam dabei auch das Fünfgang-Automatgetriebe 5HP von ZF. Spannend, denn erst seit dem 5HP bietet ZF die Lebensdauer-Ölbefüllung an. An den Getriebe-Generationen zuvor waren noch Getriebe-Ölwechsel nötig.

Wie steckt also das 5HP eine Million Kilometer ohne Ölwechsel weg? „Von innen sieht das Getriebe aus wie werksneu“, so der Eindruck der Redakteure. Und damit ist auch klar, was ZF mit Lebensdauer-Ölbefüllung meint: Bevor das Getriebe ein Problem mit dem Öl bekommt, ist das Fahrzeug in der Regel längst auseinandergefallen.

Wenige Jahre später war die Elektronik unersetzlich: Mit dem 5HP führte ZF 1990 eine adaptive Schaltstrategie ein. Dank Vernetzung im Fahrzeug „wusste“ das Getriebe, ob der Wagen bergauf fuhr oder einen Anhänger zog und passte das Schaltverhalten an. Völlig neue Radsatzkonzepte im 6HP und später noch einmal im 8HP bescherten mehr Gangstufen und machten die Getriebe zugleich leichter oder funktionsfähiger - oder auch einfacher zu produzieren.

Unglaubliche Breite der Anwendungen: Dank Getriebebaukasten kommt das 8HP auch in Extremsportlern wie dem Jaguar F-Type R zum Einsatz.

Seit der zweiten Generation des 6HP sind ZF-Automatgetriebe übrigens auch agiler als jeder Handschalter. Das aktuelle 8HP wird nicht nur in extrem sportlichen Serienfahrzeugen wie dem Jaguar F-Type R eingesetzt, sondern mit dem BMW M 235i Racing sogar im Motorsport.

Das 8-Gang Plug-in-Hybridgetriebe von ZF: Hier sind die Komponenten Elektromotor, Kupplung(en), Torsionsdämpfer und Hydraulik platzsparend und effizient in das Getriebe eingepasst.

Und noch etwas anderes zeichnet dieses Erfolgsgetriebe aus: Von vornherein wurde sein Einsatz in Hybridfahrzeugen mitgedacht. 8-Gang-Vollhybridgetriebe von ZF werden bereits seit einigen Jahren in Audi und BMW Fahrzeugen verbaut, und 2015 ging das neue 8-Gang Plug-in-Hybridgetriebe in Serie. Dessen elektrische Leistung ist hoch genug, um eine Geschwindigkeit von bis zu 120 km/h elektrisch zu fahren.

Technische Benchmarks setzt ZF aktuell auch an anderer Stelle. Vor 50 Jahren galten bei Pkw-Automatgetrieben die USA als Vorreiter und ZF als Nachzügler. Heute sieht das ganz anders aus: Die Nachfrage nach ZF-Getrieben stieg zuletzt gerade in den USA so stark an, dass der Konzern 2013 ein Getriebewerk in Gray Court, South Carolina, eröffnete. Dort läuft das ZF-Automatgetriebe 9HP vom Band. Es ist für frontangetriebene Fahrzeuge mit quer eingebautem Motor entwickelt. Die Erfolgsgeschichte läuft weiter rund.

Fotos: Detlef Majer, BMW

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