Motor der Weltwirtschaft China boomt! Und ZF ist dabei

Die Volksrepublik ist und bleibt ein starker Motor der Weltwirtschaft. Seit mehr als 20 Jahren arbeitet ZF dort erfolgreich.

Das ständig steigende Verkehrsaufkommen verlagern die Schanghaier auf Hochstraßen.

Wie die bunten Bänder eines Fadenspiels verweben sich die Hochstraßen ineinander. Laufen parallel, kreuzen und schieben sich über- und untereinander. Der Straßenverlauf von Schanghai wirkt auf den ersten Blick verworren, fast ziellos. Doch Dr. Rolf Gall reiht seinen BMW 5er fest entschlossen in den schier endlosen Fluss an Fahrzeugen ein. Er kennt den Weg.

1996 reiste der deutsche Ingenieur erstmals in die Volksrepublik. Im Schanghaier Stadtteil Pudong am Ufer des Huangpu-Flusses lag damals sumpfiges Ackerland, auf dem strohhuttragende Bauern Gemüse für die Stadtmenschen auf der anderen Flussseite anbauten.

Heute reckt sich dort jeden Abend aufs Neue die Skyline der Megacity schillernd in den Nachthimmel. Schanghai gilt als die Vorzeigemetropole des neuen Chinas, es steht symbolisch für den Aufstieg des Landes zu einem der großen Global Player. Das Land ist zur zweitgrößten Volkswirtschaft und zur größten Handelsnation der Welt aufgestiegen.

ZF in Schanghai

Dr. Rolf Gall (rechts) leitet das lokale ZF Engineering Center Shanghai. Der Schwerpunkt liegt hier auf der Lokalisierung von Produkten und Applikations-Engineering.

In Schanghai leitet Gall das lokale Engineering Center von ZF. Er deutet durch die Scheibe: „In all diesen europäischen Premiumlimousinen, den amerikanischen Mittelklassewagen und den Tausenden grünen Taxis stecken unsere Getriebe, Dämpfer oder Fahrwerke“, so der 59-Jährige. „Chinesische Kleinwagen steuern mit einer eigens entwickelten Lenkung. Die Lkw des lokalen Marktführers Dongfeng sind mit unseren Dämpfern auf jeder Baustelle in diesem Land unterwegs – und davon gibt es Millionen.“ In Schanghai arbeitet ZF sogar im Untergrund: Eine der modernsten U-Bahnen der Welt befördert hier jährlich 2,3 Milliarden Passagiere – mit Dämpfern von ZF. Die Wartung der Züge für das bereits mehr als 10 000 Kilometer lange und weiter schnell wachsende Netz übernehmen die Techniker von ZF Services.

Die ersten Joint Ventures von ZF entstanden Mitte der 1990er-Jahre in Schanghai und Liuzhou. Dort produzierte der Konzern Komponenten für Baumaschinen – schließlich baute das ganze Land überall neue Gebäude, Straßen, Zugstrecken oder Flughäfen. Zur gleichen Zeit entstand in Schanghai ein neues Zentrum der Automobilindustrie mit Beteiligung der großen europäischen und amerikanischen Automobilhersteller. In dieser Zeit entsteht das erste Joint Venture von VW zum Produktionsstart des Bestsellers VW Santana. Die beliebte Mittelklasselimousine bestimmt bis heute das Straßenbild und wurde bis 2013 mit verschiedenen Komponenten von ZF gebaut.

Video: Marktbericht China

China ist mit über 1,3 Milliarden Einwohnern nicht nur das bevölkerunsgreichste Land der Erde, sondern auch der bedeutendste Auslandsstandort der deutschen Automobilindustrie.

Mit Herstellern vor Ort

Dr. Guohong Ye hat in Deutschland studiert und leitet heute die ZF Holding in China.

Dr. Guohong Ye, der heutige Präsident von ZF China, ging als erster Mitarbeiter 1994 zurück nach China. Er erinnert sich: „Wir folgten damals den großen Herstellern und haben ihnen beispielsweise Lenkungen, Dämpfer und fertig montierte Achsen ,just in time’ ans Band geliefert.“ Aus der ersten Zusammenarbeit mit VW und Audi entstanden Kooperationen mit weiteren Herstellern, unter anderem mit General Motors, BMW und Daimler. Bis heute erwirtschaftet ZF den mit Abstand größten Teil seines Umsatzes in China in den Bereichen Pkw­-Fahrwerk und ­Dämpfer. Mit dem steigenden Erfolg der internationalen Fahrzeugindustrie stiegen auch die Umsätze von ZF, 2014 stieg der Umsatz um 30 Prozent auf 2,6 Milliarden Euro.

Der chinesische Fahrzeugmarkt entwickelt sich schnell. Ein Zeichen dafür ist das ZF­ Getriebewerk in Schanghai, das 2013 in einen Neubau umzog. Hier werden 6HP-Automatgetriebe produziert. „Früher haben wir 5­-Gang­-Automatgetriebe für das Vorgängermodell des VW Passat gebaut. Heute heißen unsere Kunden etwa Great Wall oder SAIC – alles chinesische Hersteller“, beschreibt Werksleiter Chen Guoping die Geschäftsentwicklung. Die Nachfrage chinesischer Hersteller nach modernen Automatgetrieben von ZF zeigt den aktuellen Wandel im Markt. Diese Veränderung beschäftigt auch Gall als Leiter des ZF Engineering Centers: „Die chinesischen Produzenten wollen zu den internationalen Automobilherstellern aufschließen. Hinzu kommt, dass die Endkunden nach der ersten Mobilisierungswelle heute deutlich anspruchsvoller sind.“

Chronik ZF in China

1994
Start in einen neuen Markt: Kontakte gab es bereits zu Beginn der 1980er- Jahre. Erste Firmengründungen von ZF finden in Schanghai sowie in Liuzhou statt.

2003
Achssysteme direkt an die Bänder von BMW liefert das neue Werk von ZF in Schenjang. Der große Markterfolg der europäischen Premiumhersteller in China beflügelt auch den Absatz von ZF. Fahrwerke für Pkw sind bis heute der größte Umsatzbringer in China. Seit 2013 produziert ein neues Werk in Peking Achsen für Mercedes.

2004
Erste ZF-Getriebe für Pkw werden in Schanghai gefertigt. In der Zeit von 2006 bis zum Produktionsende 2013 entstehen hier fast 250 000 5HP-Automatgetriebe für den VW Bestseller Santana. Derzeit rüstet ZF die Produktion auf 6HP-Automatgetriebe für neue SUVs und Vans chinesischer Automobilhersteller um.

2010
Im Engineering Center in Schanghai entwickeln, erproben und adaptieren ZF-Ingenieure verstärkt Produkte für den chinesischen Markt. Wegen des steigenden Bedarfs an Eigenentwicklungen plant ZF derzeit eine große Erweiterung. Aktuell arbeiten hier 70 Entwickler.

heute
Mehr als 5900 Mitarbeiter erwirtschaften in China etwa 14 Prozent des weltweiten Gesamtumsatzes – mit steigender Tendenz. Für die Zukunft sollen Produktvarianten noch gezielter für den lokalen Markt angepasst oder gleich dafür entwickelt werden – nach dem Prinzip „Design-to-Market“.

Innovationsdruck durch Abgasnormen

China hat Großes vor – auch im Umweltschutz. Die Regierung in Peking übt massiven Druck auf die Autoindustrie aus und hat strenge Abgasgrenzwerte beschlossen. Immer mehr chinesische Hersteller setzen deshalb auf hochwertige Technik von ZF, um ihre Fahrzeuge sparsamer, ökologischer, attraktiver und komfortabler zu machen. Gefragt sind nicht nur effiziente Getriebe, sondern auch elektrische Lenkungen oder neue Fahrwerke mit leistungsfähigeren Dämpfern. Um die moderne Technik und ihre Applikationen optimal zu integrieren, ist jedoch eine umfassende Unterstützung durch lokale ZF-Ingenieure nötig. Eine Herausforderung für Gall und sein Team in Schanghai: „Die bestehende Mannschaft reicht dafür nicht aus, wir suchen mittelfristig einige Hundert neue Ingenieure.“ Dafür ist auch mehr Platz nötig. Derzeit baut ZF ein neues Gebäude, etwa viermal so groß wie das bisherige. Neben zusätzlichen Büros werden acht neue Prüfstände für Pkw und Nkw eingerichtet sowie ein Parkhaus für 700 Fahrzeuge. Letzteres wird unter anderem für die zahlreichen Erprobungsfahrzeuge chinesischer Hersteller benötigt. In vielen von ihnen wird dann eigens für den chinesischen Markt entwickelte ZF-Technik stecken – das Prinzip heißt „Design-to-Market“.

Fotos: Urban Zintel

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