TraXon Wintererprobung Getriebetest im Dauerfrost

In Schwedisch Lappland nimmt das ZF-Versuchsteam bei minus 20 Grad die letzte Feinabstimmung am automatischen Getriebesystem TraXon vor. Nicht alle im Team der Versuchsingenieure finden das besonders kalt.

Blickdicht fallen die Schneeflocken vom Himmel, der Wind pfeift, minus 21,5 Grad Celsius zeigt das Thermometer. Willkommen in Arjeplog. Ungefähr 100 Kilometer südlich des Polarkreises herrscht eisige Kälte. Doch für ZF-Versuchsfahrer Marcus Haug ist es nicht kalt genug. „Das sind keine perfekten, aber ganz gute Bedingungen“, sagt er.

Das ZF-Versuchsteam ist nach Lappland gefahren, um das automatische Getriebesystem TraXon einem letzten Praxistest zu unterziehen. Doch da hier im Januar 2015 nur gut minus 20 und nicht wie sonst minus 30 Grad und weniger herrschen, kommen die Versuchs-Lkw in die Kältekammer. „Die kühlt das Getriebe über Nacht auf minus 32 Grad herunter und macht es zäh wie Honig. Bei den derzeitigen Lufttemperaturen tritt dieser für Versuche gewünschte Effekt ja leider noch nicht ein“, erklärt Applikationsingenieur Achim Chiandetti.

Kaltstart und Freischaukeln

Abfahren statt durchdrehen: Bei der Wintererprobung wird auch die Freischaukelfunktion gestestet

Ingenieur Chiandetti und Fahrer Pechar testen das Getriebe in der 12-Gang-Version in einem EURO-6-Lkw. Per Rechner checkt der Ingenieur im Fahrerhaus zunächst alle elektrohydraulischen Ventile auf Dichtigkeit und Funktionstüchtigkeit. Noch laufen weder Motor noch Heizung. Dann erhält Pechar die Startfreigabe, fährt los, bringt so Selbstzünder und Getriebe schnell auf Betriebstemperatur. Auf dem Beifahrersitz gibt ihm Applikationsingenieur Chiandetti genaue Anweisungen zur Schaltabfolge.

Nur einen Schneeballwurf entfernt kommt das zweite Fahrzeug unterdessen nicht vom Fleck. Die Antriebsräder drehen griplos in einer eisglatten Kuhle durch. Ein für Trucker in kalten Regionen geläufiges Alltagsproblem: Unter den warmen Reifen des frisch abgestellten Fahrzeuges beginnt das kalte Weiß zunächst zu schmelzen und friert dann ob der tiefen Temperaturen relativ schnell wieder fest. Säße man in einem Fahrzeug mit manuellem Getriebe, ließe sich das Fahrzeug durch geschicktes Ein- und Auskuppeln in eine schaukelnde Vor- und Rückwärtsbewegung versetzen. Beim TraXon gibt es dafür die sogenannte Freischaukelfunktion. Die sorgt dafür, dass ein um eine Stufe höherer Anfahrgang gewählt und die Kupplung auf optimale Dosierbarkeit über das elektronische Gaspedal ausgelegt wird. Während Testfahrer Andreas Arnegger den Lkw freischaukelt, zeichnet der Applikationsingenieur Daniel Gelder am Laptop alle Daten auf. Eventuell sind nachher einzelne Parameter nachzujustieren. „Wir optimieren das Assistenzsystem hier so, dass es später wirklich jeder Lkw-Lenker intuitiv einsetzen kann“, sagt der Ingenieur.

Video: Wintertest in Schweden

Das ZF-Team unterzieht das automatische Getriebesystem TraXon einem Praxistest unter Extrembedingungen.

Fahrversuche beliebig oft wiederholen

„Entscheidend fürs effektive Testen ist, dass wir hier alle realen, dynamischen Fahrversuche beliebig oft unter denselben Extrembedingungen wiederholen können“, erklärt Testfahrer Marcus Haug. So zum Beispiel das Verhalten des TraXon-Getriebes auf Eisflächen. „Die Räder blockieren auf Eis sehr schnell, das muss auch die Getriebesteuerung erkennen und entsprechend handeln“, erklärt Funktionsentwickler Stefan Bemetz. Die Anforderungen an die Steuerung: Erstens sollte sie dann sehr viel zügiger als gewöhnlich auskuppeln, um ein Abwürgen des Motors zu verhindern.

Zweitens muss sie realisieren, dass zwar die Räder stehen, aber der Truck selbst schlittert, damit sie in dieser Situation nicht einen niedrigen Anfahrgang vorhält. Würde dieser eingekuppelt, sobald der Fahrer wieder von der Bremse geht – also auch wenn das Fahrzeug noch in hohem Tempo rutschen sollte – hätte das gravierende Konsequenzen. „Die Horrorszenarien reichen von kapitalen Kupplungsschäden bis hin zu unkontrolliert schleudernden Sattelzügen“, betont Testfahrer Arnegger. „Unsere kälteerfahrene Getriebeelektronik weiß aber immer, was gerade für sicheres Fahren gefragt ist.“

Wo getestet wurde

In jeder Wintersaison ziehen Testzentren im hohen Norden Fahrzeughersteller und Zulieferer fast magnetisch an. In die Region um Arjeplog kommen zwischen November und März zusammengenommen 30.000 Autotester aus circa 20 Ländern. Der Ort selbst hat nur 3100 Einwohner.

Der Aufstieg der nordschwedischen Gemeinden zum weltgrößten automobilen Wintertestzentrum begann 1967, als ein Hersteller zum ersten Mal für Motorenerprobungen nach Arvidsjaur kam. Mit Versuchsfahrten nach aktuellen Maßstäben hatten die Anfangsjahre noch wenig gemein: So mussten die Entwickler die Eisflächen damals noch mit mitgebrachten Besen und Schaufeln eigenhändig freilegen. Um herauszufinden, ob das Eis befahrbar ist, schickte man Pkw im Automatikmodus D unbemannt über den See. Je stärker sich unter Autobauern und Zulieferern aber herumsprach, dass die Region stabiles Winterklima und ideale Abgeschiedenheit für Erprobungen bietet, desto schneller schritt die Entwicklung einer professionellen Test-Infrastruktur in Lappland voran.

Bilder: Joscha Kinstner

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