Fernbus Trendsetter auf Tour

Der deutsche Busmarkt boomt: Seit Anfang 2013 nutzen immer mehr Reisende das Angebot einer steigenden Zahl von Anbietern und fahren Fernbus.

Ali Aydin, Busfahrer

Die Straße blendet. In der Nacht hat es geregnet, der nasse Asphalt wirkt in der Morgensonne wie ein Spiegel. Fahrer Ali Aydin rückt die Sonnenbrille zurecht. Sein Bus rollt ruhig durch die norddeutsche Tiefebene, es herrscht wenig Verkehr. Ein paar Pendler, einige Trecker. Vorbei geht es an Orten mit Namen wie Sülze, Didderse und Wipshausen. Schilder am Straßenrand verweisen auf „Heidekartoffeln – frisch vom Bauern!“, „Feuerholz, günstig“ und „Tanja’s Schlemmerhütte“. Krähen picken in den braunen Stoppelfeldern, Heidschnucken nibbeln am ersten Frühlingsgras. Sightseeing tief in Niedersachsen – an Bord eines Busses, der die Bahn das Fürchten lehrt.

Fernbusreisen boomen

Von Hamburg nach München geht die Tour an diesem Freitag. Rund 30 Passagiere haben früh um acht Uhr am Zentralen Omnibusbahnhof – in der Hafenstadt heißt der offiziell „Bus-Port“ – den grasgrünen MAN Lion’s Coach des Reiseunternehmens MeinFernbus bestiegen. Einige fahren durch bis an den Alpenrand; rund 12,5 Stunden dauert die Tour. Andere werden in Braunschweig, Magdeburg oder Leipzig aussteigen. Alle eint: Sie sind Trendsetter, denn sie reisen per Bus statt mit der Bahn, dem Billigflieger oder dem Auto. Mit dem Fernbus, um genau zu sein. Seit am 1. Januar 2013 der Fernbusmarkt liberalisiert wurde, boomen Fernbusreisen. Zur Jahreswende boten etwa 40 Fernbuslinien insgesamt mehr als 5000 innerdeutsche Fahrten pro Woche an, hat das Berliner IGES Institut im Auftrag des Bundesverbands Deutscher Omnibusunternehmer ermittelt. Vor einem Jahr waren es nur gut 1500. Mittlerweile sind es, dem unabhängigen Fernbusportal FahrtenFuchs zufolge, schon 8000 pro Woche. In den USA und Kanada bringen allein die Busse des im Jahr 1914 gegründeten Marktführers Greyhound jährlich 18 Millionen Passagiere an insgesamt 3800 Fahrtziele.

Die Deutsche Bahn (DB) hat ernsthafte Konkurrenz bekommen. Vor allem vom Anbieter MeinFernbus. Das Berliner Unternehmen ist mit 39,7 Prozent der angebotenen Fahrplankilometer derzeit deutscher Marktführer. MeinFernbus gewinnt, wie auch die Wettbewerber, gerade junge Menschen und Senioren als Kunden. Eine Klientel also, die auf den Preis schaut und dafür mehr Zeit für die Fahrt durchaus in Kauf nimmt. Schließlich sind die Tickets für Fernbusreisen meist deutlich günstiger als eine vergleichbare Reise etwa mit dem Zug, die Fahrt dauert aber in der Regel länger. Von Hamburg nach München sind Reisende mit dem Fernbus im Schnitt 12,5 Stunden, mit der Bahn rund sechs Stunden unterwegs.

In Hamburg sagt man Tschüss. Früh am Morgen in der Hansestadt startet der Fernbus gen Süden. An Bord des grün lackierten Gefährts sind vor allem Studenten, Azubis und Senioren, die bei günstigem Kaffee und freiem WLAN die Landschaft an sich vorbeiziehen lassen.

Gerade hier punkten Fernbusse: Weil sie auch kleinere Ziele per Direktverbindung ansteuern können, die mit der Bahn nur durch Umsteigen zu erreichen sind. Als Bonus gibt es dazu gratis kabellosen Internetzugang per WLAN sowie Snacks für einen Euro und Softdrinks für 1,50 Euro. Immer mehr Anbieter drängen auf den Markt: Unternehmen wie DeinBus.de, Flixbus oder der ADAC Postbus. Kein Wunder, geht es doch um einen geschätzten Branchenumsatz von bis zu 600 Millionen Euro im Jahr. Schließlich baute auch die Deutsche Bahn mit ihrem Tochterunternehmen Berlin Linien Bus GmbH ihr Engagement aus und eröffnete zehn neue Buslinien zum Beispiel zwischen Hamburg und München oder Hamburg und Köln.

Hubschraubergefühl hinter der Frontscheibe

Reinhardt Kohlrusch, Rentner

Direkt hinter Busfahrer Ali Aydin hat es sich Reinhardt Kohlrusch bequem gemacht. Der 64-jährige Rentner aus Flensburg ließ sich von einem Bekannten nach Hamburg fahren, jetzt reist er mit dem Bus bis zur Endstation „ZOB München“. Er hat sich gleich in die erste Reihe gesetzt, weil „sich hier, mit freiem Blick durch die riesige Frontscheibe, so ein tolles Hubschraubergefühl einstellt“. Kohlrusch beendet sein zweites Frühstück, Salamibrötchen plus Apfel, und erzählt von seinen sieben Kindern und vier Enkeln, die fast alle am Starnberger See leben und die er nun besuchen möchte. Er selbst stammt ursprünglich auch nicht von der Flensburger Förde, wie sein bajuwarischer Zungenschlag erahnen lässt. „Hier bist net gestresst“, lobt Kohlrusch das Busfahren. Mit dem Auto ginge es zwar „a bisserl“ flotter, auch mit der Bahn, doch die Beinfreiheit sei im Bus unschlagbar. Sein Sohn habe das Ticket für ihn im Internet gebucht. Jetzt kann er in Ruhe die Gedanken schweifen lassen, zwischendrin mal ein Nickerchen machen und die Landschaft vorbeiziehen lassen. Dazu der Preis: 28 Euro für die einfache Fahrt, das sei ein starkes Argument angesichts seiner bescheidenen Rente, sagt Reinhardt Kohlrusch.

Rentner Kohlrusch ist ein typischer Fernbuskunde. „Ein Großteil unserer Fahrgäste ist aus touristischen Gründen unterwegs, um Familie und Bekannte zu besuchen, oder um Geschäftstermine wahrzunehmen“, sagt Torben Greve, Geschäftsführer von MeinFernbus. Dabei stehen nicht in erster Linie Bahnkunden im Visier der neuen Fernreisen-Manager. Es seien „vor allem auch Autofahrer“, die den Fernbus als „komfortable und stressfreie Reisealternative zur Fahrt mit dem eigenen Pkw wählen“, wie Greve sagt. Im vergangenen Jahr sind die Fahrgastzahlen der Bahn denn auch nicht gesunken, trotz der neuen Konkurrenz auf der Straße. Verkehrsexperte Christoph Gipp vom Berliner Beratungsinstitut IGES vermutet, dass viele Fernbusreisende „Neufahrer“ seien, darunter viele Senioren, denen das Umsteigen von Zug zu Zug zu beschwerlich erscheine und die daher oftmals gar nicht reisten. Diese Zielgruppe entdeckt nun dank des wachsenden Fernbusnetzes mit vielen Direktverbindungen eine neue Reisefreiheit. „Der andere Teil der Passagiere kommt von Mitfahrgelegenheiten, vom Auto oder vom Zug“, so Gipp.

8000 Fahrten pro Woche bieten die deutschen Fernbusunternehmen insgesamt an. Marktführer bei innerdeutschen Fernbusreisen ist derzeit das Berliner Unternehmen MeinFernbus mit 39,7 Prozent der angebotenen Fahrplankilometer.

Beifall für den Fahrer

Der grüne Bus hat bei Soltau-Süd die A7 verlassen und rollt jetzt über Landstraßen Richtung Celle, dem ersten Zwischenstopp an diesem Vormittag. Die Straße verläuft schnurgerade, links und rechts bilden Erlen und Buchen eine Allee. Der Morgennebel hebt sich aus den Feldern, am Horizont drehen sich behäbig Windräder, hier und da sieht man die grünen Hügel Niedersachsens: Biogasanlagen moderner Landwirtschaftsbetriebe. „Ich liebe das“, sagt Ali Aydin, der Busfahrer. Er hat die Sonnenbrille abgelegt. „Diese Ruhe in den Morgenstunden. Schön.“ Dann erzählt Aydin, gelernter Kfz-Mechaniker, wie er bis vor zwei Jahren als Taxifahrer in Bad Harzburg und Goslar gearbeitet hat. Anschließend schulte er um und heuerte beim Busreisenanbieter „Der Schmidt“ aus Wolfenbüttel an, einem Subunternehmer von MeinFernbus. Er wollte schon immer weiter weg fahren und nicht nur durch Bad Harzburg kurven, wollte ein großes Fahrzeug bewegen, mit ordentlich PS, so Aydin. Die hat er jetzt: 440 Pferdestärken bewegen den MAN-Bus, dazu die AS Tronic, ein automatisches 12-Gang-Getriebesystem von ZF. Ali Aydin lenkt das Fahrzeug, das knapp 60 Passagieren Platz bietet, jetzt auf den Busbahnhof von Braunschweig. Er greift zum Mikrofon und verabschiedet sich von seinen Fahrgästen. Bis München übernimmt ein neuer Fahrer. Aydin lacht, zieht sich seinen grünen MeinFernbus-Anorak über und steigt aus. Beifall – das gab’s in 20 Jahren am Steuer seines Taxis nicht.

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