ZF Innovation Truck Einfach von fern fahren

Einen Lkw mitsamt Auflieger und Anhänger auf engstem Raum am Betriebshof lokal emissionsfrei manövrieren? Das treibt den Puls selbst abgeklärtester Profi-Trucker in die Höhe. ZF hat nahe Aachen einen umsichtigen Assistenten für diesen Job vorgestellt.

Es ist noch früh am Morgen, aber schon jetzt steht fest: Die nass-windigen Witterungsverhältnisse bleiben das Einzige, was die Besucher heute hier auf dem Aldenhoven Testing Center kalt lassen wird. Denn dieses erst kürzlich eröffnete Erprobungsgelände hat ZF für zwei Julitage und rund 120 internationale Fachjournalisten in eine Wissenswelt für fortschrittliche Nutzfahrzeugtechnik verwandelt. Alle Antriebs- und Fahrwerkinnovationen werden gleich live und direkt in Lastwagen und Bussen für Vergleichsfahrten bereit stehen. Aber so spannend sie auch sein mögen, die Neuheiten wie beispielsweise das neue automatische Doppelkupplungsgetriebe TraXon Dual oder die Elektroportalachse AVE130: Zuallererst wollen die Pressevertreter beantwortet haben, wo man den angekündigten ZF Innovation Truck zu Gesicht bekommt – und was er leistet.

Gross und grandios einfach

Teil eins dieser Frage ist rasch geklärt: Er erwartet sein Publikum auf der Fahrdynamik-Fläche. Dort angekommen, entpuppt er sich als 25 Meter langer und rund zweieinhalb Meter breiter Lastzug. Deshalb sind einige nun ob der Aufgabe problematisiert, die ihnen Olrik Weinmann, der Gesamtprojektleiter für diesen Lkw-Prototypen, stellt: Es gilt nämlich, den Lastzug vor- und rückwärts durch eine enge, halbbogenförmige Pylonengasse zu manövrieren. Jene Mutigen, die sich spontan zum Fahrerplatz der Zugmaschine aufmachen wollen, hält Weinmann zurück. Stattdessen zückt er ein Tablet. Und damit kommen wir der Auflösung des zweiten Frageteils schon viel näher.

Schließlich findet sich auf dem Touchscreen des mobilen Endgeräts eine Rangier-App, dank der selbst Ungeübte diese Herausforderung buchstäblich mit Links meistern. Anstatt jahrzehntelangen Fernfahrer-Know-hows ist lediglich ein Quäntchen Feinmotorik im Zeigefinger vonnöten. Ohne lange Erklärungen reicht Weinmann das Tablet an einen neben ihm stehenden Journalisten weiter: „Hier wählen Sie die Rangiergeschwindigkeit bis maximal 4 km/h“, sagt der ZF-Experte und deutet auf die drei Bildschirmsymbole „Hase“, „Schildkröte“ sowie „Schnecke“. Und jetzt bitte die gewünschte Fahrstufe – ‚D‘ für voraus und ‚R‘ für zurück – antippen, dann den Finger auf die abgebildete Fahrzeugfront oder den Hänger halten, und schon kann‘ s losgehen.“ Auf dem Screen bedeutet Lenken übrigens Schieben, und zwar die Zugmaschine oder das hintere Ende des Lastzugs nach links oder rechts. Die Truppe fixiert gebannt die Hand des Tablet-Bedieners. Indessen geschieht, zunächst fast unbemerkt von der Menge, das eigentlich Interessante knapp zehn Meter entfernt von unserem Regenunterstand. Längst nämlich gehorcht der mit dem Tablet vernetzte ZF Innovation Truck den Bluetooth-Funkbefehlen. Er bewegt sich – das Fahrerhaus komplett verwaist – lautlos von uns weg. Unüberhörbar dagegen fallen Begriffe wie „faszinierend“ und „erstaunlich“.

Klug kombinierte Technologien

Dass er den ZF Innovation Truck zum Leisetreter macht, zählt nur zu den willkommenen Nebeneffekten des 120 Kilowatt starken E-Motors, der in der Kupplungsglocke des automatischen Getriebesystems TraXon Hybrid sitzt. Seine Hauptaufgaben: Im normalen Fernverkehrsbetrieb drückt er den Kraftstoffkonsum, indem er den Diesel unterstützt; und bei Schritttempo treibt er den Truck ganz alleine an, was sich in einer emissionsfreien Null auf der Momentanverbrauchsanzeige äußert. Außerdem stellt der Elektromotor – im Gegensatz zum Verbrenner – seine ganzen Kraftreserven beim Anfahren quasi aus dem Stand bereit. „Auch zum automatischen Stoppen des Innovation Trucks, also wenn Sie jetzt den Finger vom Tablet nehmen, genügt uns meist die Motorbremskraft der E-Maschine“, so der Projektleiter. Die Betriebsbremse schreitet nur im Ausnahmefall ein.

Während die Journalisten den Lastzug schon so routiniert und exakt durch die Pylonengasse fernsteuern, als hätten sie still und heimlich vorgeübt, kommt ein essenzielles Feature des Innovation Trucks zu Sprache: Das mit dem Antrieb vernetzte Lenksystem. Es besteht hier aus der modifizierten Nutzfahrzeuglenkung Servotwin und einer neuen elektronischen Steuerung. Diese Kombination setzt den mühevollen manuellen, meist mit zahllosen Richtungskorrekturen verbundenen Lenkmanövern beim Gespannrangieren ein Ende. Sie schlägt die Lkw-Vorderräder ganz von alleine ein; so, dass der Anhänger, der eine Kurzbahnschwimmbeckenlänge dahinter liegt, sich sofort zielstrebig in die per Tablet vorgegebene Richtung bewegt. Um das zu ermöglichen, stehen Zugfahrzeug und Auflieger mitunter abenteuerlich verwinkelt zueinander – der „Ziehharmonika-Effekt“ erhält eine ganz neue Bedeutung.

Unter Federführung von Michael Burkhart hat Openmatics, der Telematik-Spezialist von ZF, dem Innovationstruck noch einige Funktionen mehr anprogrammiert: Es gibt Kameras, die vom Lkw ans Tablet funken, um dort abzubilden, was dem Rangiererauge ansonsten verborgen bliebe; oder auch die neue Gelegenheit, das mobile Gerät als Fahrzeugdatenauskunft 2.0 heranzuziehen – von außen genauso wie im Cockpit, wo sich das Tablet als Zusatzinstrument ans Armaturenbrett andocken lässt. Kleine Bluetooth-Low-Energy-Funkchips, kurz BLE-Tags, spielen eine große Rolle, weil sie Knickwinkelgrunddaten kabellos an die Elektronik weitergeben.

Deren zentrales Hirn, das Prototypen-Steuergerät, sitzt am Kopfende des ZF-Innovationstrucks. Hier laufen alle Bits und Bytes zusammen und von dort erhalten Hybridgetriebe Lenkung oder Bremsen ihre Handlungsbefehle fürs ferngesteuerte Manövrieren. Daraus ergibt sich eine völlig neue Lkw-Funktion. Bezeichnenderweise heißt sie Rangier-Assistent.

Video: ZF-Nutzfahrzeugtechnologien auf der IAA 2014

Rund 120 Fachjournalisten aus 30 Ländern informierten sich in Aldenhoven bei Aachen über die neuste Nutzfahrzeugtechnologien von ZF.

Logistikalltag entschärft

Imaginärer Schauplatzwechsel, weg vom Aldenhoven Testing Center hin zu den Betriebshöfen von Speditionen und der Industrie. Genau dafür – und keineswegs als unterhaltsame High-Tech-Show – haben ZF und Openmatics den Rangier-Assistenten nämlich tatsächlich ersonnen. Dort kann er künftig Ordnung in eine Problemzone bringen, die man als „Chaosfeld Rampe“ kennt. Denn kommt der Trucker am Betriebshof an, heißt es für ihn zunächst oft „bitte warten“. Und er fragt sich: Erreiche ich trotzdem noch pünktlich den nächsten Zielort? Und wie halte ich jetzt bloß die streng geregelten Lenk- und Ruhezeiten ein? Darf er endlich zur Laderampe fahren, wird es hektisch, plötzlich muss alles ganz schnell gehen. Die alltägliche Konsequenz: Teure Fahrzeugschäden, verursacht durchs Kollidieren beim Manövrieren. „Mit dem Innovationstruck und seinem Rangier-Assistenten kann man zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen“, betont der Ingenieur. „Zum einen lässt sich die Zielposition ferngesteuert viel schneller und präziser als durch noch so gekonnte händische Lenkradarbeit ansteuern. Zum anderen muss nicht einmal der Fahrer selbst das Tablet bedienen – weil es so simpel ist, kann das auch jeder Betriebshofmitarbeiter übernehmen.“ Der Trucker erhält also die Chance, sein Gefährt samt Fernsteuerung gleich beim Eintreffen auszuhändigen. Die Pause, sprich Ruhezeit, beginnt früher – und dauert länger.

Die Vorstellung in Aldenhofen hat restlos überzeugt. Die Frage, wann man den Rangier-Assistenten ordern könne, lässt daher nicht lange auf sich warten. „Wenn es nach ZF geht, gibt es ihn schon in den kommenden Truck-Generationen“, sagt Weinmann. „Letztlich entscheiden darüber aber die Fahrzeughersteller.“ Für den Praxiseinsatz des Systems ist ein Lang-Lkw jedenfalls genauso wenig Bedingung wie ein High-Tech-Hybridgetriebe mit integriertem Elektromotor. Ein konventioneller Verbrenner genügt völlig. Und schon wird die Aussicht noch realistischer, bald nur noch ein Tablet hervorziehen müssen, um einen geschickten Gehilfen für das „Chaosfeld Rampe“ parat zu haben.

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