Keine Angst vor der digitalen Revolution

Die fortschreitende Digitalisierung betrifft jeden – vom Individuum bis zum global agierenden Konzern. So verständlich damit verbundene Zweifel sind, die Historie zeigt, dass technologische Umbrüche jede Gesellschaft in ihrer Entwicklung beflügelt haben.

Kein Zweifel, die Wirtschaft ist im Umbruch: Das größte Medienunternehmen der Welt produziert keine eigenen Inhalte (Facebook), das größte Taxiunternehmen besitzt kein einziges Auto (Uber) und der weltweit größte Anbieter von Unterkünften hat kein einziges Hotelbett (Airbnb). Dennoch liegt der aktuell geschätzte Marktwert der Übernachtungsbörse bei rund 25,5 Milliarden US-Dollar. Damit ist die Online-Plattform nach nur acht Jahren mehr als 15-mal so viel wert wie der traditionsreiche Hyatt-Konzern mit mehr als 600 Hotels in 50 Ländern und etwa 45.000 Mitarbeitern.

Aber nicht nur für Unternehmen und Geschäftsmodelle scheint ein neues Zeitalter angebrochen zu sein: Gesundheitlich belastende Arbeiten werden in vielen Fabrikhallen längst von Robotern erledigt. Haushaltsroboter, die staubsaugen, gibt es ebenfalls in jedem Elektronikhandel. Schon bald werden sie noch weitere Aufgaben erledigen und ihren Besitzern auf diese Weise in einer alternden Gesellschaft die Verlängerung von Autonomie und Selbstbestimmung ermöglichen. Dabei sorgen die Vernetzung digitaler Produkte sowie „Deep Learning“ für eine extrem steile Lernkurve. Davon profitieren alle Anwender. Algorithmen nutzen die Schwarmintelligenz und saugen Erfahrungen sowie Wissen in sich auf. Davon profitieren wir bereits heute, beispielsweise wenn die cloudbasierte Sprachsteuerung unseres Smartphones auch Dialekte versteht, ohne dass diese ursprünglich explizit im Programmcode verankert wurden.

Vernetzung lässt Autos, Lastwagen und Züge schon bald selbst fahren und Roboter, die Pakete an die Haustür bringen. Weil der „Digital Workplace“ immer populärer wird, haben wir auch mehr Zeit, die Sendungen entgegenzunehmen. Und damit der Abend doch noch gemütlicher wird, bestellen wir nach getaner Arbeit von der Terrasse aus – live via App – ein frisches Angus-Steak und einen Friséesalat. Das weiß der Algorithmus des Lieferanten bereits, noch bevor wir das Smartphone in die Hand nehmen.

Ängste begleiten Veränderungen

Der moderne Verbraucher ist immer mobil, vernetzt und hat jederzeit vollständige Transparenz über alles. Veränderungen, die im Alltag Erleichterungen bringen sollen, wecken traditionell aber auch Ängste. So empfand Heinrich Heine im Jahr 1843 die Eröffnung der Eisenbahnlinie von Paris nach Orléans als „ein unheimliches Grauen, wie wir es immer empfinden, wenn das Ungeheuerste, das Unerhörteste geschieht, dessen Folgen unabsehbar und unberechenbar sind“. Die Emotionen des Dichters erscheinen nachvollziehbar, da etwa Mediziner befürchteten, dass bei Geschwindigkeiten jenseits von 30 Kilometer pro Stunde das menschliche Trommelfell platzt. Schließlich war vorher – in 200.000 Jahren Menschheitsgeschichte – noch niemand in jene damals neuen Geschwindigkeitsregionen vorgedrungen.

Die Befürchtungen ähneln dabei im Kern jenen, die frühere Veränderungsprozesse begleitet hatten. So versuchten schlesische Weber in den 1840er-Jahren, die neu aufkommenden mechanischen Webstühle zu zerstören. Tatsächlich waren ihre Jobs nach kurzer Zeit ebenso verschwunden wie der des Schriftsetzers in den 1980er-Jahren. Aber in 150 Jahren Industrialisierung sind neue Berufe entstanden, die stets den Verlust überkompensiert haben. So steht im eher besorgten Deutschland die digitale Wirtschaft heute bereits für 4,6 Prozent der gewerblichen Wertschöpfung. 92.000 Unternehmen und über eine Million Beschäftigte werden ihr zugerechnet – zehnmal so viel wie in der Stahlindustrie, gleichauf mit dem Fahrzeugbau und mehr als im Maschinenbau.

Nicht wirklich neu – nur viel schneller

Ist also das Neue nicht die Transformation an sich, sondern der Beschleunigungsschub, den wir mit der Digitalisierung erleben? Vieles spricht dafür, dass sich die Menschheit seit Beginn der Industriellen Revolution in einem kontinuierlichen Transformationsprozess befindet. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts lebt keine Generation mehr exakt nach dem Muster ihrer Vorfahren – was davor in der Gesellschaft selbstverständlich war.

Erst die Dampfmaschine wandelte den über Jahrhunderte kaum veränderten Alltag der Menschen – und das binnen kürzester Zeit. Die nächste Stufe zündete die Elektrizität am Anfang des 20. Jahrhunderts, während Mikroprozessoren seit den 1970er-Jahren jene Entwicklung des „Immer kleiner, immer leistungsfähiger“ ins Rollen brachten, die erst den Paradigmenwechsel ermöglichte, vor dem wir jetzt stehen: die Digitalisierung.

An deren Anfang stand das Internet, das vor etwa 20 Jahren seinen Siegeszug antrat. Inzwischen ist eine Sättigung der privaten IT-Nutzung bei knapp 85 Prozent der Bevölkerung erreicht.

Begleitphänomene der Digitalisierung

Die Digitalisierung ist ein weiteres Kapitel in der Geschichte der Industrialisierung. Sie wird von zwei weiteren Phänomenen begleitet, deren Geschwindigkeit sich ebenfalls dramatisch erhöht hat und ohne die die Digitalisierung nicht vorstellbar wäre: Es geht um die Globalisierung und die Urbanisierung.

War London Ende des 19. Jahrhunderts noch die einzige Stadt mit mehr als fünf Millionen Einwohnern, leben heute bereits zwölf Prozent der Weltbevölkerung in 29 Megacitys mit mehr als zehn Millionen Einwohnern. Seit dem Jahr 2008 sind mehr Menschen in Städten zu Hause als auf dem Land. Bis zum Jahr 2030 erwartet eine Studie von UN-Habitat – dem Programm der Vereinten Nationen für menschliche Siedlungen –, dass zwei Drittel aller Menschen in einer Stadt leben werden.

Die Urbanisierung hat natürlich auch Auswirkungen auf unsere Mobilität. So macht sie Elektromobilität notwendig, um in den Metropolen die Luft- und Lebensqualität zu erhalten. Darüber hinaus erhöht sie den Druck auf die Weiterentwicklung von E-Fahrzeugen. Schließlich werden die Strecken kürzer – insbesondere für Logistikunternehmen. Dazu erfordert die Urbanisierung ein digitales Management, denn der Pkw-Bestand wird sich bis zum Jahr 2030 weltweit nahezu verdoppeln. Ohne Automatisierung und Vernetzung ist individuelle Mobilität in den Ballungszentren künftig undenkbar.

Keine Wahl: verändern oder verlieren

Wer die Veränderungen nicht mitgestaltet, wird verlieren. Daher beschäftigen sich Automobilhersteller längst nicht mehr nur mit der Produktion von Fahrzeugen als Wertschöpfungsquelle. Sie wandeln sich zu Mobilitätsanbietern, die Carsharing-Flotten bereitstellen und Apps entwickeln, mit denen der Anwender die schnellste Verbindung zwischen zwei Orten ermittelt, und das unter Einbeziehung aller Verkehrsmittel. „Die Wertschöpfung verschiebt sich von der Hardware in Richtung Software und Services“, sagt BMW-Vorstandschef Harald Krüger. Die Automobilhersteller haben genügend Beispiele aus anderen Branchen vor Augen, in denen einstige Platzhirsche plötzlich in der Bedeutungslosigkeit versanken: Sie hatten die Dynamik von Transformationen unterschätzt – etwa beim Wechsel von der Analog- zur Digitalfotografie oder beim Übergang von der Typenrad-Schreibmaschine zum PC-Drucker.

Über den Tellerrand zu blicken ist die eigentliche Herausforderung, und dies nicht nur in Zeiten der Digitalisierung. So schlossen sich im Jahr 1967 Finnlands führender Hersteller von Gummistiefeln, eine Papierfabrik und das Kabelunternehmen Finnish Cable Works unter dem Namen Nokia zusammen. Das neue Unternehmen rüstete dann 1981 das erste Mobilfunknetz Finnlands aus und wurde innerhalb von 25 Jahren zum Weltmarktführer in der Telekommunikationstechnik. Nokia verschlief allerdings den Trend vom Tastenhandy zum Smartphone und verschwand binnen fünf Jahren praktisch vom Markt.

Um nicht das gleiche Schicksal zu erleiden, müssen Automobilhersteller und Zulieferer ständig nach neuen Geschäftsmodellen suchen, mit denen sie Trends vorwegnehmen und in die sie Erfahrung aus ihrer Kernkompetenz „Mobilität“ einbringen können. Kooperationen sind gefragt, die von beiderseitigem Nutzen sind.

Digitalisierungstempo unterschiedlich

Niemand bezweifelt, dass die Digitalisierung unsere Gesellschaft verändert. Veränderungen waren in den 150 Jahren Industrialisierung jedoch alltäglich. Sie bewiesen, dass unser Wirtschafts- und Arbeitssystem erstaunlich anpassungsfähig ist. Auch Unternehmen können und müssen den Wandel für sich nutzen. Es geht darum, aktiv die Veränderungen voranzutreiben und zu gestalten, statt von ihnen getrieben zu werden.

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