Antriebstechnik und Fahrwerktechnik

Fahrwerk erklärt

Für viele ist das Fahrwerk eine undurchschaubare Anhäufung komplexer Bauteile auf engstem Raum. Automobilingenieure sehen in ihm ein technisches Kunstwerk, das klar festgelegte Aufgaben präzise erledigt und maßgeblich das Fahrverhalten bestimmt. Wer hat Recht?

Tradition gibt es auch in der Technik

So stammen grundlegende Prinzipien der Fahrwerktechnik aus dem Postkutschenzeitalter. Damals wurde das eigentliche Fahrwerk, also Räder, Lenkung und Aufhängung, vom Aufbau mit Insassenkabine oder „Karosse“ getrennt. Die Ansprüche an die Fahrwerktechnik haben sich im Pkw-Zeitalter vervielfacht: Neben dem Insassenkomfort ist sie nach wie vor dafür verantwortlich, das Antriebsmoment auf die Straße zu bringen, die Fahrzeugmasse abzustützen, das Fahrzeug in der gewünschten Spur zu halten und externe Störgrößen wie Unebenheiten oder Wind zu kompensieren. Pkw-Fahrwerke sind somit maßgeblich für Fahrkomfort, Fahrdynamik und Fahrsicherheit verantwortlich – also für vieles, was Autofahren letzten Endes subjektiv erlebbar und auch sicherer macht.

Ein „physikalisches Nadelöhr“

Latsch - ein physikalisches Nadelöhr

Alle Kräfte werden durch vier etwa bierdeckelgroße Flächen geleitet, die jeweilige Radaufstandsfläche der Räder, den so genannten „Latsch“. Diese begrenzten Kontaktflächen möglichst gut auszunutzen, ist eine übergeordnete Aufgabe des Fahrwerks. Verlieren ein oder mehrere Räder auch nur kurzzeitig den Bodenkontakt, können hier keine Lenk-, Brems- oder Antriebskräfte übertragen werden. Über den Latsch wirken statische und dynamische Kräfte überlagert in allen drei Raumrichtungen: Die Vertikaldynamik wirkt von unten nach oben oder umgekehrt, zu spüren bei der Fahrt über holprigen Untergrund; die Querdynamik seitlich quer zum Fahrzeug, zum Beispiel bei einer Kurvenfahrt; und die Längsdynamik von vorn nach hinten und umgekehrt, etwa beim Beschleunigen und Bremsen.

Um trotz dieser Kräfte in allen möglichen Fahrsituationen eine möglichst komfortable, sichere und dynamische Fahrt möglich zu machen, gibt es verschiedene Elemente im Fahrwerk – das gesamte, für Laien undurchschaubar komplexe Ensemble von Längs- und Querlenkern, Radträgern, Gummilagern, Kugelgelenken und Stabilisatoren. Neben dieser eigentlichen Radaufhängung spielen besonders die Stoßdämpfer, die Federn sowie die Reifen eine wichtige Rolle. Und wohlgemerkt: Das alles funktioniert erst einmal rein mechanisch. Hier ist noch nicht von elektronischen Helfern die Rede. Denn durch Regelsysteme in der Lenkung (Servound Aktivlenkung), beim Bremsen (ABS und ESP), durch variable Dämpfer (wie beispielsweise CDC), geregelte Federbeine oder Stabilisatoren sowie durch Antriebsschlupfregelung lassen sich die Fahreigenschaften und die aktive Fahrsicherheit weiter verbessern.

Zukunftsvision: das einfache Fahrwerk

Was der Laie meist etwas lieblos als „Gestänge“ bezeichnet, ist ein für alle Fahrsituationen perfekt aufeinander abgestimmtes Ensemble. Dabei gilt: Je mehr „Gestänge“ – also Lenker, Träger und Stabilisatoren – am Werk ist, desto präziser lassen sich die unterschiedlichen, teils gegensätzlichen Anforderungen erfüllen. Desto mehr Platz nimmt das Fahrwerk aber am Ende auch ein und desto schwerer wiegt es unter Umständen. Daher gehen Ingenieure heute einen anderen Weg: den der Funktionsintegration. Außerdem suchen sie nach alternativen Materialien. Leichtbau im Fahrwerk heißt auch, die Fahrwerkstruktur weniger komplex aufzubauen. Wobei man hier klarstellen muss: Komplex wird die Fahrwerkentwicklung immer bleiben – die Frage ist nur, wie stark man das dem Endergebnis von außen ansieht. Zur Kutsche jedenfalls führt kein Weg zurück.

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