US-Automarkt
Kompakt & komfortabel
Zum amerikanischen Traum gehört der stark motorisierte Pick-up genauso wie der Truthahn zum Erntedankfest. Im traditionell PS-verliebten Amerika fördern steigende Treibstoffpreise langsam den Absatz schwächer motorisierter Fahrzeuge – vorausgesetzt die Ausstattung stimmt.
Big is beautiful
Big is beautiful! lautet das persönliche Credo von Timothy Roth. Entsprechend kultiviert der Elektroingenieur aus Pensacola im US-Bundesstaat Florida seinen Lebensstil im XL-Format des amerikanischen Mittelstands. Das großzügige, vollklimatisierte Einfamilienhaus gehört genauso dazu wie das Segelboot am Golf von Mexiko und der Ford F-150 in der Garage. Dieser imposante Pick-up ist der Stolz der vierköpfigen Familie: 5,4-Liter-Maschine, acht Zylinder, 235 PS – Leistung satt für den Highway und für die Fahrt zum Wal-Mart nebenan. Zu kleineren Karossen wechselt Roth nur gelegentlich. „Auf der Kartbahn im Vergnügungspark“, sagt er schmunzelnd.
Krise verschiebt Marktanteile
Mit seiner Haltung zum Auto ist Roth kein Einzelfall. Doch auch im Land der unbegrenzten Möglichkeiten rücken der Klimawandel und die Endlichkeit fossiler Brennstoffe zunehmend stärker ins öffentliche Bewusstsein. So sollte die Einführung nationaler Obergrenzen für Kraftstoffverbrauch und CO2-Emissionen – bekannt unter dem Begriff Corporate Average Fuel Economy (CAFE, gewichteter Flottenverbrauch) – die Amerikaner für Kleinwagen begeistern. Eine Regelung, die einige Fahrzeughersteller noch geschickt umfuhren. 2009 beschloss die Obama-Regierung, die CAFE-Vorgaben von 2011 an jährlich um drei bis sechs Prozent zu verschärfen. Damit müssen sich die Hersteller bis zum Jahr 2017 einer flottenweiten Verbrauchsbeschränkung von umgerechnet fünf Litern pro 100 Kilometer und 3,8 Litern pro 100 Kilometer bis zum Jahr 2025 beugen.
Langsames Umdenken
Über solche gesetzgeberischen Vorgaben hinaus zeichnet sich in den USA mittlerweile ein Wandel in den Mobilitätsvorstellungen ab. Im Frühling und Sommer 2008 stiegen dort durch hohen Kraftstoffverbrauch und durch Rohölspekulationen die Benzinpreise umgerechnet auf mehr als drei Euro pro Gallone (knapp vier Liter). Viele US-Bürger trennten sich daraufhin von ihren Geländewagen unter teilweise hohen Verlusten und ersetzten sie durch kleinere Wagen oder sogenannte Crossover-Modelle. Die weltweite Finanzkrise im Herbst des gleichen Jahres ließ die Rohölpreise zwar in den Keller sacken, doch gleichzeitig brach der Arbeitsmarkt ein. Viele Amerikaner verkauften dann ihre Wagen, egal ob klein oder groß.
Derzeit, in einer Phase steigender Kraftstoffpreise, heißt der neue Trend „Downsizing“ – zumindest bei der Motorisierung: „Rekordverdächtige 43 Prozent aller in den USA zugelassenen Neuwagen haben mittlerweile einen Vierzylindermotor”, vermeldet etwa die Financial Times von der Detroit Autoshow. Vor zehn Jahren waren es gerade einmal halb so viele. Die Zahl der verkauften Neufahrzeuge mit Achtzylindermotor ging im gleichen Zeitraum von knapp 30 Prozent Marktanteil auf unter 20 Prozent zurück. Auch die in den USA bekannt verkaufsträchtigen Sechszylinder müssen sich seit 2008 hinter den Vierzylinderverkäufen eingliedern. Im Jahr 2009 verfügte nur noch jeder dritte Wagen über sechs Brennkammern im Motor.
Ehrgeizige Ziele
Vor diesem Hintergrund soll es auch im Kleinwagensegment weiter aufwärts gehen. „Im Kleinwagensegment gibt es derzeit weltweit 350 Modelle, die zu 90 Marken gehören. Für das Jahr 2010 erwarten wir insgesamt 16 Millionen Neuzulassungen. Weniger aussichtsreich stellt sich jedoch die Lage in den USA dar", sagt Lonnie Miller. Miller ist Vice President für Marketing und Industrieanalyse bei der Automotive-Unternehmensberatung Polk in Southfield, Michigan. Dennoch ist Automotive-Experte Hughes optimistisch: „Die Autoindustrie befindet sich in einer aufregenden Phase; noch nie gab es in dieser Branche so viele Erfolg versprechende Produkte. Das ist der beste Zeitpunkt für innovative Unternehmen.“ Ihre erausforderung wird darin bestehen, die Perspektiven von Konsumenten wie Timothy Roth zu erweitern: Big is beautiful, but small is smarter.



